Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113306--1417-3113535- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
215 von all dem nichts, er befand sich noch immer wie im Traum. Regungslos stand er da, während seine Augen die Gegenstände ringsum streiften. Er erblickte auf dem Ofen in kleinem Abgusse die Büste des Apoll von Belvedere, die in der unsicheren Beleuchtung wie belebt erschien. An der nächsten Wand waren ein paar Amoretten von Correggio, die wahrscheinlich hier nur provisorisch Raum gefunden hatten, denn nahebei in der Ecke hing ein Bild des gekreuzigten Christus, vor welchem in dem roten Glase künftighin wohl ein Lichtchen brennen würde. Auf dem Fenster standen noch ungeordnet einige Blattpflanzen, denen man die sorgliche Pflege ansah und ein Pfeilertischchen war dicht besetzt mit kleinen altmodischen Porzellanfigürchen, die großenteils noch aus einer Hülle von Seidenpapier herausguckten. All' das sah Gabriel nur flüchtig, denn sein Blick blieb gefesselt von jenem Teil des Zimmers, den er zuerst gesehen hatte. Dort hingen günstig beleuchtet in prächtigen Kopien die Madonna bei Granduca, die beiden Johannesknaben von Murillo und Rafael und die Engelchen der Sixtinischen Madonna, die zu jenem aufzublicken schienen. Dabei stand ein blondes Mädchen und sang mit süßer Stimme ein altes Kirchenlied. Als sie geendet hatte, seufzte Gabriel tief auf. Wieder sprachen das Mädchen und der Musiker freundlich zu ihm, doch nur mechanisch beantwortete er alle Fragen, und ebenso gab er Magdalenen, der Sängerin, als sie ihn zur Thüre begleitete, das Versprechen wieder zu kommen, wenn sie singe. Dann huschte er schnell, als hätte er eiu Unrecht begangen, in das kaum vor einer Viertelstunde verlassene Wohnzimmer, wo er seinen Vater noch in unveränderter.Stellung schlafend fand. Froh darüber, daß dieser seine Abwesenheit gar nicht bemerkt hatte, suchte Gabriel trotz der ungewohnt frühen Stunde sein Lager auf, denn was würde der Vater zu der sonderbaren Erregung, die sich seines Sohnes bemächtigt hatte, gesagt haben? Doch schlafen konnte er noch lange nicht. Unzählige neuer Vorstellungen jagten sich in seinem Kopfe, unzählige Fragen, die unbeantwortet blieben. Warum hatte der Vater ihn gelehrt, man dürfe keine Bilder machen, warum war alles aus dem Hause verbannt, was Schönheit darstellte?