Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113306--1416-3113534- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
214 Leise, leise, als folge er einem unwiderstehlichen Zauber, erhob Gabriel sich von seinem Sitze und mit angehaltenem Atem schlüpfte er, ohne den Vater zu wecken, zur Thüre und auf den Gang hinaus. Dort hatte er sich bald zurechtgefunden; neben dem Eingang in die Nachbarswohnung war ein vergittertes Fenster, durch dessen verschobenen Vorhang man leicht in das Zimmer blicken konnte. Dort stand an der Wand ein kleines Harmonium, von kundiger Hand gespielt, und daneben erspähte der erregte Lauscher die Gestalt eines jungen Mädchens, welchem die glockenreine Stimme. angehörte. Ganz und voll tönte jetzt.das Ende des Liedes: „Ave Maria". Der Knabe hatte noch nie so singen hören. Tief ergriffen, von Etwas, das seine Seele plötzlich gefangen nahm, lehnte er den Kopf gegen das Gitter und fing bitterlich zu weinen an. Spiel und Gesang verstummten. Man schien das Schluchzen drinnen vernommen zu haben, denn die Sängerin eilte an's Fenster, und als sie sah, woher die Störung kam, war sie rasch an der Seite des weinenden Knaben und sprach zu chm. So hätte sicher seine Mutter zu ihm gesprochen, wenn sie ihr Kind in Thränen gefunden hätte. Ermutigt durch des Mädchens teilnehmendes Bemühen, gab Gabriel das Lied als Grund seiner Thränen an. Da strich sie ihm leise mit der Hand über die nassen Augen, legte leicht den Ärm um seine Schulter und zog ihn mit sich ins Zimmer. Dort flüsterte sie ihrem Vater ein paar Worte zu, und Gabriel sich selbst überlassend, glitten die Finger des Musikers alsbald wieder präludierend über das Instrument. Das Zimmer war nur von zwei Lichtern, die über dem Harmonium brannten, erleuchtet, aber man sah doch auf den ersten Blick, daß es noch nicht fertig eingerichtet, noch nicht wohnlich gemacht war. Denn wenn die einzelnen Möbelstücke auch schon auf dem richtigen Platz standen, so lagen doch noch Stöße von Büchern und Noten auf dem Tische, und eine Menge von eingepackten Gegenständen in den geöffneten Kisten, die einer ordnenden Hand warteten. Es schien auch, als hätten Vater und Tochter nur eben musiziert, um sich selbst über das Ungemütliche der ersten Stunden in einer fremden Behausung hinweg zu helfen. Gabriel bemerkte