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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 213

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Ein Schwächling
Date
1902-01-01
Page
Seite 213 (sequence 4)
Language
German
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213 Schönheit; sie war ein biederes Weib und alle Tugenden, die Salomon von einem vollkommenen Weibe singt, waren in ihr vereint." „Warum hat sie denn sterben müssen?" fragte heftig der Knabe und ein paar heiße Thränen traten ihm in die Augen. „Das zu fragen, steht uns nicht an. Es hat Gott gefallen, die Blume zu knicken. Sie ruhe in Frieden." — Um feine gleichfalls aufsteigende Rührung zu verbergen, wühlte der alte Mann mit den Fingern in seinem Bart, räusperte sich einigemal und sagte dann: „Komm, Gabriel, wir wollen lernen," und ohne dem Rechnung zu tragen, daß der Sinn des Knaben im Augenblick nicht darauf gerichtet sein mochte, begann Rebb Mordechai mit lauter Stimme einen Satz der Schrift zu lesen, Fragen einzuschalten, zu kommentieren, zu zitteren, sich selbst zu widerlegen, — kurz jene große, komplizierte Gedankenarbeit vorzunehmen, die von den jüdischen Gelehrten mit „lernen" bezeichnet wird. Gabriel gab sich redliche Mühe, dem Vater zu folgen, doch es ging heute nicht recht. Seine Fragen und Einwürse befriedigten auch den Vater nicht, und als dieser an eine besonders schwierige Stelle kam, und sie ganz ausblieben, so schien er es nicht zu bemerken und die Anwesenheit eines Schülers ganz vergessen zu haben. Das Feuer prasselte im Ofen; die große Wanduhr tickte; der alte Mann las in seinem Buche, bis seine Stimme zu einem Murmeln herabsank, die Pfeife ausging und er infolge von Müdigkeit oder durch den Kontrast der rauhen Novemberluft zu der ihn jetzt umgebenden behaglichen Wärme fest einschlief. Gabriel bewegte sich nicht und wagte kaum zu atmen, denn es gilt als Sünde, wenn Kinder ihre Eltern im Schlafe stören. Still saß er da, blickte nach dem Bilde seiner Mutter und fühlte sich recht einsam. Da plötzlich hörte er Töne. Es klang wie Orgelspiel, dem Gabriel im Vorbeigehen an einer Kirche oft gern gelauscht haben würde, wenn es der Vater nicht verboten hätte. Woher kamen diese Töne? War es eine wirkliche Menschenstimme, die jetzt zu singen anhub, oder war es ein Traum, der die Phantasie bewegte? Nein, es war Wirklichkeit, und der Gesang kam aus der Nähe.

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