Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113306--1414-3113532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
212 der billigeren Lebensverhältnisse wegen nach der Provinz gezogen sei. Da niemand eine Bemerkung machte, noch weitere Fragen an sie stellte, so ging Sarah bald wieder, und stille war's in dem kleinen aber gemütlichen Raum. Der Tisch stand in der Mitte des Zimmers, davor saß im bequemen Lehnstuhl der Vater und rauchte aus einer langen Pfeife. An der. Wand zu seiner Rechten hingen zwei Oelbilder. Das eine stellte eine jugendliche Frauengestalt dar, die mit einem tief in die Stirne fallenden Spitzenhäubchen, dunklen Augen und sanft geschnittenen Lippen träumerisch und traurig dem Beschauer entgegenblickte. Daneben war das Portrait eines Mannes, das unverkennbar die Züge Reb Mordechais trug. Dieses Bild war ein wenig befremdlich anzuschauen, denn man hatte das gelungene Werk des Malers nach Jahren korrigirt, indem man dem jungen Mann im Bilde das Käppchen, das das Original nimmer trug, und die mittlerweile in seinem Bart ergrauten Haare, nachträglich, um die Aehnlichkeit zu erneuern, aufgepinselt hatte. Außer diesen beiden Bildern sah man in dem ganzen Raume nichts, was die Bezeichnung eines Kunstwerkes in irgend welcher Form verdient, oder nur angestrebt hätte. Das kleine goldene Rähmchen an der einen Wand umschloß nur in hebräischen Buchstaben die Bezeichnung, daß dies die Ostseite sei, nach welcher Richtung stehend die Gebete zu verrichten seien. Gabriel hatte indessen ein paar dicke Bände größten Formats auf den Tisch gelegt und seinen Platz neben dem Vater eingenommen. Während dieser in den Büchern blätterte, blickte Gabriel still auf die ihm gegenüber hängenden Bilder. Das Licht fiel grell auf das Antlitz des Knaben. Seine zarte schmächtige Gestalt entsprach kaum seinem Alter von fünfzehn Jahren; doch das ausdrucksvolle Gesicht mit den dunklen Augen hätte auf ein reiferes Alter schließen lassen. Die Aehnlichkeit mit dem Frauenbilde war unverkennbar, besonders jetzt, wo er darnach aufblickend leise zum Vater sagte: „Meine Muter war wohl sehr schön?" „Ja, schön war sie, wie das „aufgehende Morgenroth: wie eine frische Myrthe!" Aber, was noch mehr gilt, als