Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Ein Schwächling
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113306--1413-3113531- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
211 eilte er schneller und leichtfüßiger, als man es seinem Aussehen nach hätte vermuten sollen, einem Träger, der einen großen Geigenkasten trug, voran die Treppe hinauf. Im dritten Stocke angekommen, schellte er an einer Thüre, deren Pfosten schon das Abzeichen eines frommen jüdischen Inwohners, nämlich ein Glasröhrchen, ein auf Pergament geschriebenes Gebet enchaltend, sichtbar trug. Eine alte Magd öffnete und Reb Mordechai ging durch ein kleines Vorzimmerchen direkt in die Wohnstube. Behagliche Wärme, vom Ofen in der Ecke ausströmend, empfing ihn, doch die Flammen des Feuers vermochten nicht, das Halbdunkel des Zimmers zu erleuchten. Als die Thür aufgegangen war, hatte sich in der Nische des Fensters ein Knabe, wie aus Sinnen erwachend nach dem Eintretenden nmgewandt und sagte: „Guten Abend, Vater!" Der alte Mann legte die Bücher auf den Tisch, entledigte sich seines Pelzes und trat dann gleichfalls ans Fenster. „Guten Abend, Gabriel? Warum stehst Du hier am Fenster und guckst in den Nebel? Hast Du schon Mincha gebetet?" „Nein, Vater, noch nicht," sagte erschrocken der Knabe, und entschuldigend fügte er hinzu! „Ich sah erst zu, wie der Hausrath da unten abgeladen wurde, und als dann die Sonne wie eine rothe Kugel hinter dem Kirchthurm verschwand" — „Da hättest Du wissen sollen, daß es zum Minchabeten zu spät ist. Träumer. Nimm rasch Dein Gebetbuch, ehe Sarah die Lampe bringt." Ohne Widerrede und wie schuldbewußt langte Gabriel nach dem Buche und las bei dem letzten Scheine des Tageslichtes gewissenhaft das Nachmittagsgebet. Schade, er hätte so gerne noch beobachtet, wie sich das schwebende Grau der Lust in jenes allbedeckende Dunkel der Nacht verwandeln würde. — Kaum hatte er geendet, das Buch geschlossen und geküßt, so erschien Sarah mit der Lampe und, während sie geschäftig hin und hertrippelte, die Läden schloß und das Feuer schürte, erzählte sie unaufgefordert, was sie schon von den neuen Nachbarn erfahren hatte. Es waren Vater und Tochter; ein Musiker, der bis jetzt in Wien gelebt hatte, aber halb blind, 14*