Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Mittheilungen aus dem Briefwechsel zwischen Zunz und Kaufmann
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Von meinen gesammelten Schriften ist hier bei Louis Gerschel der erste Band erschienen; daß ich, sobald er zu haben ist, Ihr Urtheil über den Inhalt erwarte, und zwar ohne Ansehen der Person, versteht sich. Die Zahl meiner älteren Bekannten nimmt auf erschreckende Weise ab. Ich fühle das selbst in dem häuslichen Umgänge. Ich lebe wie ein Einsiedler und sehe außer meinen zwei Freunden und meiner Schwägerin fast Niemand. Ich bitte mir zu schreiben, ob Nissen*) noch am Leben ist, und sollte dies nicht der Fall sein, mir Datum und Jahr anzugeben von seinem Ableben. Ich schließe hier, obwohl ich die Aermlichkeit meines Briefes erkenne; aber was soll ich Sie mit Seufzern und Klagen quälen? Was Sie statt solcher nutzlosen Opposition gegen die Vorsehung thun, ist vernünftiger; also auf baldiges Wiedersehen Ihrer Zeilen rechnet der Ihnen achtungsvoll ergebene Berlin, 1. März 1875. Zunz. 8. Hochgeehrter Herr Dr. Obgleich Verschiedenes mich zum Briefschreiben jetzt wenig geneigt macht, kann ich Ihre Zuschrift vom vorigen Monat doch nicht länger unbeantwortet liegen sehen. Wer die Vorurtheile und 'Dummheiten Anderer angreift, kann von Glück sagen, wenn er nicht verjagt oder eingesperrt und erschlagen wird; denn von jenen beiden ernähren sich Viele. Das große Heer der Menschen heißenden Zweibeinigen regieren acht * 2שטנים) nämlich: Eigennutz, Lüge, Heuchelei, Herrschsucht, Unverstand, Aberglaube, Feigheit, träge Gewohnheit. Ob etwas wahr ist, das ist die letzte Frage, wenn sie überhaupt gemacht wird. Daß ich mich in meinen Ansichten und Aufsätzen von jenen ״Satanen" nicht leiten lasse, hoffe ich durch mein Leben wie durch meine Schriften bewiesen zu haben. Ihre Anfrage über ספר המעלות erinnert mich an die Zeit von 1817, wo ich noch jung und hoffnungsreich war. Lesen Sie *) Salomon Nissen (geb. in Kalisch, gest. 6. April 1872 in Breslau). Vgl. Brann, Gesch. d. Juden in Schlesien, Anh. S. VH. Der bekannte Botaniker Prof. Ferdinand Cohn in Breslau war sein Schwestersohn. Einige Briefe Zunzens an Nissen aus den vierziger Jahren sowie den größten Theil von Niffens litterarischen Nachlaß bewahrt die Bibliothek des jüdisch-theol. Seminars auf. 2) Satane, Teufel.