Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Zacharias Frankel
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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155 Katheder alle Fäden in seiner Hand, er verstand es meisterhaft, ohne von der Hauptsache abzuschweifen, den encyklopädischen Charakter des Talmuds zu wahren, und trotzdem er Alles berührte, doch die architektonische Form der Materie herauszuarbeiten und herauszumeißeln. Ohne je ein Vorbild dafür gehabt zu haben, war Frankel ein akademischer Talmudlehrer ersten Ranges, denn er vereinigte in sich akademische Würde und pädagogische Strenge, indem er die Hörer moralisch nöthigte, nicht blos zu hören, sondern auch zu lernen. Er verstand es, dem eigentlichen Vortrag einen besonderen Reiz zu verleihen durch. maßvolle Disputationen, die mit einer entweder von ihm selbst oder aus der Mitte der Hörer aufgeworfenen Frage eingeleitet wurden, Disputationen, durch welche er seine Schüler erst recht nach ihrem Wissen, nach ihrer Begabung, nach ihrem Fleiß kennen lernte. Bei Frankel konnte man sich in eine der babylonischen Akademien versetzt fühlen, denn es muthete Einen an, als würde man nicht zum Ohrenzeugen der von den Amoräern geführten Debatten, sondern zum Theilnehmer an denselben gemacht. Ganz, ganz anders als seine Vorlesungen an den ersten fünf Tagen der Woche war sein isagogisches Colleg am Freitag; da gab es keine Debatte, da gab es keine Disputation, da lauschten wir andächtig dem schlichten Vortrage des Meisters, der uns zeigte, wie und auf welche Weise der Talmud zu einer Wissenschaft gemacht werden könne und gemacht werden müsse. Das interessanteste dieser isagogischen Collegien war das über die Einleitung in die Mischnah; denn da wurden wir über das eigentliche Wesen der mündlichen Lehre, über die Uranfänge unserer geheiligten Tradition in einer streng wissenschaftlichen und doch zugleich in einer das gläubigste Gemüth erhebenden Weise belehrt. Aus diesen Vorlesungen ist der 1859 erschienene Darke hamischnah hervorgegangen, das Werk, welches der Verketzerungssucht eines gelehrten Fanatikers in Ungarn die willkommene Gelegenheit geboten, jenen Streit heraufzubeschwören, welchen man den Hirsch-Frankellschen zu nennen sich gewöhnt hat. Diese Benennung ist jedoch eine höchst ungenaue, denn Frankel war wohl ein Mann des Kampfes, aber nicht des Streites, er hat weder mit dem gewiß, sehr