Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Zacharias Frankel
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 15)
- Language
- German
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154 Gemeinden — freilich um ein halbes Jahrhundert zu spät — zum ersten Male ein modernes Lehrhaus, in welchem der jugendliche Geist des alten traditionellen Judenthums weht. Das Breslauer Seminar ist wohl eine Stiftung Jonas Fränkells, aber eine Schöpfung Z. Frankens, denn er hat chm seinen Geist eingehaucht, er hat es zu einer Pflanzstätte der jüdischen Religions-Wissenschaft gemacht, indem er ein gründliches, vertieftes Talmudstudium als die erste und oberste Aufgabe für die zukünftigen, mit akademischer Bildung ausgestatteten Rabbiner hinstellte. Frankel wollte Nichts wissen von einer Fakultät, an der man liest und an der man hört, er wollte ein Lehrhaus, in welchem, wie in den alten jüdischen Hochschulen, der Lehrer und die Hörer lernen. Man muß wissen, was das Wort „lernen" im ältesten talmudischen Sinn bedeutet, um es zu begreifen, daß man die antike Größe Frankens nicht besser und nicht kürzer charakterisiren kann, als wenn man sagt, er lehrte, indem er lernte. Und er lehrte uns, daß der schlichte und einfache Wortsinn stets zur allerbesten und allertiefsten Auffassung führe; er lehrte uns die großartige Architektonik des so vielfach verlästerten Talmuds im Großen und im Kleinen bewundern, und wir lernten es verstehen und begreifen, wie die einzelnen Partien meisterhaft sich ausbauen, und daß es geradezu eine Ungeheuerlichkeit sei, Talmudkritik treiben zu wollen, ohne ein Talmudkenner, ein Talmudgelehrter im alten, im ältesten Sinne des Wortes zu sein. Frankel knüpfte mit seiner Lehrmethode an die französische Tossaphistenschule an, der es gleichfalls um ein tiefes Eindringen in die talmudische Materie, nicht um die Schärfung des Verstandes durch dialektische Turnübungen, oder gar um die Production haarspaltender Tifteleien zu thun gewesen. Selbstverständlich ist die Kenntniß der Bibel, der Geschichte und noch anderer Disciplinen eine unerläßliche Bedingung für ein gründliches Erfassen der talmudischen Diskussionen; selbstverständlich hatte das Rabbinerseminar die Aufgabe, seinen Hörern die mannigfachsten Kenntnisse zu vermitteln — und wahrlich, Frankel besaß in Grätz, Bernays, Joel und Zuckermann Mitarbeiter, wie sie besser gar nicht gedacht werden können — aber Frankel behielt doch auch auf dem