Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Zacharias Frankel
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113304--1352-3113472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
152 in Frankels Augen ein Selbstmordversuch des Judenthums; diesen Selbstmord wollte er verhindern, darum erschien er in der Frankfurter Rabbiner-Versammlung, und aus demselben Grunde verließ er dieselbe. Er war bereit mit seinen Collegen zusammen zu wirken, um das Judenthum zu festigen, um die Gemeinden zu vereinigen, um Schäden zu beseitigen, aber die hebräische Sprache aus dem Gottesdienste zu entfernen, das Band zu zerschneiden, welches die Gesammtjudenheit der Diaspora umschlingt, dazu konnte, dazu durste er nicht die Hand bieten. Man darf es auch füglich bezweifeln, ob eine Rabbiner-Versammlung, selbst wenn sie nicht aus 24, sondern aus hundert Teilnehmern bestanden hätte, 4845 in der Lage gewesen wäre, gut zu machen, was man 30 Jahre hindurch verdorben, und nachzuhoien, was man vor 50 Jahren verabsäumt hatte. Den allergrößten Fehler hatte die deutsche Judenheit begangen, als sie zur Zeit, da die Großgemeinden Prag, Frankfurt a. M., Hamburg, die Rabbinate unbesetzt lassen mußten, es unterließ, die jüdischen Hochschulen einer gründlichen Umgestaltung zu unterziehen. Daß diese Stätten verkümmerten, daß es 1819 keine auf der Höhe der Zeit stehende deutsche Rabbinen gab, daß die Predigt, einst der wesentlichste Bestandtheil des Sabbath-Gottesdienstes, weil sie deutsch war, als etwas Unjüdisches angesehen, daß diese Predigt von Amtswegen verboten werden konnte, gehört zu jenen Sünden der Väter, für welche die Kinder noch im dritten und vierten Geschlecht zu büßen haben. Solche Sünden werden nicht durch Rabbiner-Versammlungen gesühnt, solche Schäden können nicht durch die Rabbiner, sondern müssen durch die Gemeinden geheilt werden. Und darum können wir es auch nicht allzusehr beklagen, daß die von Frankel nach Dresden einberufene Versammlung von jüdischen Gelehrten 1846 nicht zu Stande kam, daß sie von dem Altonaer Zionswächter, richtiger von den süddeutschen Zionswächtern vereitelt wurde. Man hätte wahrscheinlich wieder über den Gottesdienst des Langen und Breiten berathen, man hätte Resolutionen gefaßt, und die Nothwendigkeit, eine Rabbinerschule oder eine jüdisch-theologische Facultät zu errichten, mit starken Accenten betont, und dabei hätte es