Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Zacharias Frankel
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 12)
- Language
- German
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151 Bezug auf den Eid seinen Ausführungen Rechnung trug. So wurde Frankel durch sein mannhaftes Auftreten in Wort und Schrift den Juden Deutschlands zum Segen; und wenn trotz alledem die Ueberzeugung, der glaubens- und gesetzestreue Jude könne nicht blos, sondern müsse vielmehr ein guter Deutscher sein, nur schwer zum Durchbruch gelangen konnte, so lag das nicht zum geringen Theile an der Haltung jener Neuerungssüchtigen, welche zum Theil aus Unbehagen, zum Theil aus Unwissenheit thalsächlich bereit waren, den Talmud und mit ihm das'ganze rabbinische Judenthum über Bord zu werfen, um nur in den Hafen voller Gleichberechtigung einlaufen zu können. Daß es im jüdischen Gemeinwesen Dinge gab, die einer Reform bedurften, darüber konnte kein Besonnener sich täuschen, daß aber die Radikalmittel, welche die verschiedenen Reform-Vereine und Reform-Gemeinden anwendeten, daß ganz besonders die Beschlüsse der von einem — vor Kurzem noch stockgläubigen — Talmudisten beherrschten Braunschweiger Rabbiner-Versammlung im Jahre 1844 durchaus nicht dazu angethan waren, die seit dem Hamburger Tempel-Streit erhitzten Gemüther zu besänftigen und eine Verständigung anzubahnen, mußte Jeder sehen, der die Augen offen hatte. Das war bei Z. Frankel der Fall, und darum entschloß er sich, an der 2. Rabbiner-Versammlung in Frankfurt a. M. 1845 theilzunehmen. Man hat ihm diesen Schritt ebenso verargt, wie seinen Austritt aus der Rabbinerversammlung. Beides mit Unrecht, denn beide Schritte sind mannhafte Thaten eines offenen, ehrlichen Charakters gewesen. Frankel war ein Mann der goldenen Mitte, aber nicht weil er, wie man gewöhnlich annimmt, von starrer Stockgläubigkeit in gleicher Weise wie von radikaler Reformsucht sich fernhielt, sondern weil sich ihm das historische Judenthum als ein Parallelogramm der Kräfte des Geistes und des Gemüthes, des denkenden Kopfes und des fühlenden Herzens darstellte. 2000 Jahre aus dem Leben des jüdischen Volkes zu streichen, an die Zeit anknüpfen zu wollen, da der jüdische Staat zu existiren aufhörte, die jüdischen Institutionen und ganz besonders den jüdischen Gottesdienst in religiöse und nationale Elemente aufzulösen, wie es die erste Rabbinerversammlung beschlossen, das war