Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 145

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Zacharias Frankel
Date
1902-01-01
Page
Seite 145 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3111067-3111076-3113304--1345-3113465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

145 Lehrer auf dem Friedhof in Breslau zur ewigen Ruhe gebettet haben; wir, seine Jünger aus jener Zeit, haben ihm ins erstarrende Antlitz geschaut, wir haben uns feine verklärten Züge tief eingeprägt, und obgleich wir heute nochmals so alt sind, als wir damals waren, obgleich unsere Phantasie die jugendliche Lebhaftigkeit von damals nicht mehr besitzt, können wir uns doch den entschlafenen Meister nicht anders, denn als einen auf der Höhe des Lebens stehenden Mann in seinen besten Jahren vor die Seele zaubern. Mir wenigstens ergeht es so. lieber meinem Arbeitspult hängt das gelungene große Bild Frankens aus seinem Studirzimmer, und so oft ich tagtäglich zu dem Bilde emporschaue, kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, als wäre mein verewigter Lehrer niemals ein Greis gewesen. Der entschlafene Meister hat sich eben in unserer Erinnerung verjüngt, weil erst in den Jahren nach seinem Tode die schöpferische Arbeitsleistung seines Lebens in ihrer ganzen Segenssülle hervorzutreten begonnen hat, weil erst seit seinem Hintritt erkennbar geworden ist, welch" großer Antheil an dem Verjüngungsprozeß des jüdischen Volkes ihm gehört. Ohne ihn also zu den Neubegründern der jüdischen Wissenschaft zu zählen, müssen wir unfern Meister doch in die allererste und vorderste Reihe stellen, weil es ihm vergönnt war, mit Wort und That mächtig in die Zeitverhältnisse einzugreifen, weil es ihm beschieden war, zahlreiche Schüler auszustellen, und was noch viel, viel mehr bedeutet, eine Schule zu bilden. Ich stelle die Schule Frankens über die Schüler Frankens, weil einerseits nicht Alle, die zu des Meisters Füßen gesessen haben, seine Schüler genannt werden können, und weil es andererseits gar Manche giebt, die ohne ihn gehört zu haben, in seinen Spuren wandeln und seine Forschungsmethode sich angeeignet haben. Schüler haben vor Frankel und nach Frankel auch andere Meister in Westeuropa gehabt. Schule jedoch. Schule im wahren Sinne des Wortes hat vor chm und nach ihm in Deutschland Keiner gemacht; und diese Schule Frankens, die man mehr als ungenau die Breslauer Schule nennt, ist heute schon viel, viel größer als man es sich ein- und Anderen zugestehen will. Die Schule Frankens ist nicht allein in Breslau, nicht allein in Wien, sondern auch, gleichviel ob man es gelten läßt, oder 10

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.