Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 143

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Zacharias Frankel
Date
1902-01-01
Page
Seite 143 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111076-3113304--1343-3113463
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

143 den Osten errichtet. Die jüdischen Hochschulen verkümmerten zusehends und eilten dem gänzlichen Verfall entgegen, aber es bewährte sich da wieder das alte Trosteswort, daß Gott in Israel keine Sonne untergehen läßt, es sei denn, er hätte schon eine neue erschaffen; denn noch bevor die letzte Libanonceder gefallen, noch bevor Raphael Kohen, der Großvater Gabriel Rießer's, gestorben war, wurde Zacharias Frankel am 24. Tischri 5562, in der Nacht auf den 1. Oktober 1801, also gerade heute vor 100 Jahren in Prag geboren. Das alte, auch für die Juden goldene Prag, dem mit Ezechiel Landau die Krone vom Haupte gefallen war, sollte wenigstens die Genugthuung erlangen, dem 19. Jahrhundert eine Libanons-Ceder zu schenken. Und wahrlich, wenn es noch irgendwo in Westeuropa einen Boden gab, in welchem eine solche Ceder Wurzel schlagen konnte, so war es der von allen Schädlingen und allen Schierlingspflanzen einer falschen und seichten Aufklärung verschont gebliebene Boden Prag's, dessen Atmosphäre schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr die drückende der Judengasse gewesen. Die freiheitlichen Gesetze Kaiser Joseph's hatten einen Lustzug hervorgebracht, der, wie das Frühlingswehen die Pflanzen aus dem Boden, die Geister aus dem Winterschlaf wachküßte. Für Philosophie steilich konnte man sich in Prag keineswegs wie in Berlin begeistern, aber wie Berlin unter, Friedrich II. seinen Dr. Marcus Herz, so hat Prag unter Joseph II. seinen vr. Jonas Jeiteles gehabt. Anstatt Philosophie studirte man in Prag Mathematik, jene exacte Wissenschaft, mit welcher schon zu Anfang des 17. Jahrhunderts der mit Kepler und Tycho de Brahe in regem Verkehr stehende David Gans, und später der unter dem Namen Tossaphoth Jomtob bekannte Oberrabbiner Prag's, Lipmann Heller, eingehend sich befaßte; und es ist firr den Bildungsgrad der Prager Juden, die fast Alle talmudischer Gelehrsamkeit sich rühmen konnten, höchst bezeichnend, daß einer der beliebtesten und populärsten jüdischen Prediger, R. Mose Serach Eidlitz, schon 1775 ein algebraischgeometrisches Handbuch in hebräischer und deutscher Sprache drucken ließ. Nun ist es noch lange nicht erwiesen, daß mathematisch geschulte Männer bedeutende Logiker sein müssen; die Behauptung, daß das Studium der Mathematik

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.