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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 142

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Zacharias Frankel
Date
1902-01-01
Page
Seite 142 (sequence 3)
Language
German
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142 das sind die Libanons-Cedern. Trotz der Stickluft des Ghettos konnte das jüdische Volk seinen Geist in der balsamischen Atmosphäre seiner Cedernhaine stählen und stärken; und so sonderbar es auch klingen mag, bleibt es doch buchstäblich wahr: gerade dort, wo die Verfolgung, die Bedrückung unseres Stammes die größte war, am Rhein und in Böhmen, dort gediehen die Cedernhaine am prächtigsten, dort wurzelten die Riesencedern am mächtigsten, und je größer und dichter der Hain, umso majestätischer ragten die Stämme in die blauen Lüste empor. So hatte auch in Europa der Jude des Mittelalters sein Jerusalem und seinen Libanon; denn wo die jüdische Gelehrsamkeit ihren Hauptsitz aufgeschlagen, dort stand die heilige Lade mit den Bundestafeln, dort lag die Zionsburg mit ihrem Heiligthum, dort war die Cedernpracht des Libanon zu finden. Was nach dem zweiten Falle Jerusalems, zur Zeit der Tannaiten, zuerst Jamnia und dann Uscha, was zur Zeit der palästinensischen Amoräer Sepphoris und Liberias, was den Babyloniern bis zum Untergange des Gaonats zuerst Sura und dann Pumbeditha, was in der spanischen Blüthezeit Cordova und Toledo, was zur Zeit der Kreuzzüge Speier, Worms und Mainz zusammen gewesen, das ist vom 14. Jahrhundert an allmälig das sjppurim-reiche, das sagenumsponnene und mychenumwobene Prag geworden. Prag war die Metropole der talmudischen Gelehrsamkeit; das Prager Oberrabbinat war die höchste Würde, welche die europäische Judenheit zu vergeben hatte. Im Jahre 1793 jedoch, nach dem Tode R. Ezechiel Landaus gewahrten die Juden Westeuropas zu ihrem großen Schrecken, daß die Zeit eine ganz andere geworden war. Während die ersten Frühlingslüste über die Judenheit dahinwehten, schien über das Judenthum der Winter hereingebrochen zu sein; während die Juden in den verschiedenen Culturländern eine wirkliche Heimath zu finden hofften, drohte dem alten Judenthum die Gefahr, in Westeuropa seine fast zweitausendjährige Heimath zu verlieren. Die Cedernhaine lichteten sich in erschreckend rascher Aufeinanderfolge. .Die Oberrabbinate der größten Gemeinden mußten unbesetzt bleiben, die Berufungen aus Polen mußten aufhören, denn die durch Moses Mendelssohn inaugurirte deutsche Bildung hatte eine Grenzsperre gegen

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