Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Über jüdische Ärzte
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 27)
- Language
- German
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104 kräftig; noch so viel Leiden, wenn nur der Kopf frei ist; noch so böses Uebel — nur eine böse Frau folls nicht sein." — War aber während langer Jahrhunderte Leben, Wirken und Charakter der jüdischen Aerzte so beschaffen, daß sich stets die besten Elemente des Judenthums diesem Berufe zuwendeten, und haben sich die Tugenden der Altvordern in den hervorragendsten jüdischen Aerztefamilien durch eine gewisse natürliche Vererbung gefestigt und fortgesetzt, dann müßten wir als die natürliche Folge^ erwarten, daß die Gegenwart eine Fortsetzung der Vergangenheit sei. Und doch ist dem nicht so. Der große Wechsel und Unterschied ist nicht zu verkennen. Ich weiß es gut, daß es viel leichter ist, die Vergangenheit mit sogenannter historischer Gerechtigkeit zu betrachten, als die Gegenwart unbefangen zu beurtheilen. Ich will auch dies letztere nicht unternehmen. Nur einige ausfällige Zeichen dieser großen Veränderung will ich anführen. Weniger nicht, sondern sicherlich mehr sind wir jüdischen Aerzte heutzutage geworden, aber unser Gewicht, y ich möchte fast sagen unser spezifisches Gewicht, hat sich verringert. Ein deutsch, daher auch antisemitisch gewordener Engländer, Chamberlain, sagt in seinem jüngst erschienenen und großes Aufsehen erregendem Werke, daß ehemals nur die hervorragenden Geister etwas produciren konnten, heute aber Jedermann mit Hilfe der Methode etwas zuwege bringen kann. Dieser Satz findet seine entschiedene Bestätigung in den Verhältnissen der Aerzte, insbesondere der jüdischen. Die regelrecht absolvirte Schule, die Rigorosen rc. bringen heutzutage auch den Juden nicht über tausend, sondern über viel weniger und geringere Hindernisse in den Besitz eines ärztlichen Diploms, und diese wenigeren und leichteren Hindernisse werden durch mehr und schwächere Menschen bewältigt. Selbst die uns unmittelbar vorangehenden Zeiten waren anders. Jene Aerzte, die heute als Greise uns verlassen oder mit grauen Haaren sich noch unter uns befinden, wurden noch .anders gesiebt. Sie wurden zwar, nicht Rabbiner, wie die jüdischen Aerzte früherer Zeiten, doch haben sie sich eine zeitlang für diesen Berus vorbereitet, und darum kam in ihrer