Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Über jüdische Ärzte
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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102 zweier Aerzte gefährlicher ist als ein dreitägiges Fieber" — das war nämlich die Krankheit des Emirs. Wollte jemand entgegnen, daß diese vornehme Denkart unserer Aerzte zu alt ist, um wahr zu sein, dann kann ich mich darauf berufen, daß in Metz vor kaum viel mehr als 100 Jahren drei jüdische Aerzte lebten, die am jüdischen Krankenhaus' abwechselnd wirkten, eine Collegialität, wie sie bei der heutigen Balgerei ums Dasein kaum denkbar ist. Ich sollte die Charakteristik einstiger jüdischer Aerzte noch durch einige Züge ergänzen. Doch dürfte es schon aus-dem bisher Gesagten ersichtlich sein, daß dieser Arzt in Wirklichkeit eine der interessantesten, ansprechendsten mid edelsten Gestalten in der Kulturgeschichte vieler Jahrhunderte war. Begabung, hingebungsvolle Liebe zum Beruf und nebst gründlichem Fachwissen hervorragende allgemeine Bildung, dann ein hohes moralisches Niveau, — dies waren nicht die Ausnahmen unter den jüdischen Aerzten, sie bildeten vielmehr die Regel, und das Gegentheil war die Ausnahme. Der Jude, der die tausend Hindernisse dieses Berufes zu überwinden vermochte, mußte aus gutem Holze geschnitzt sein, und es braucht uns daher nicht Wunder zu nehmen, daß dem Typus jüdischer Aerzte ein hoher philosophischer Geist zu eigen ist, was Hippocrates vor dritthalb Jahrtausenden derart bezeichnete: 6 b7 iaxvo<; GiXoaozxjC, laoosoc, daß der philosophische Arzt Gott am meisten ähnlich sei. Dies die Erklärung auch dafür, daß der jüdische Arzt die Aristokratie des Judenthums bildete, eine Geburtsaristokratie durch Begabung, eine durch Wissen und Ansehen erworbene Aristokratie, und so ist es auch begreiflich, daß man sie auch zu einer erblichen machen wollte, indem man den ärztlichen Beruf von Vater auf Sohn, auf Kindeskind und Urenkel sich forterben ließ. In der Familie Porta Leone erbte sich der ärztliche Beruf durch etwa fünf Generationen, während fast zweier Jahrhunderte fort, und der Urenkel überflügelte an Ruhm und Bedeutung den Urahn; sieben Mitglieder der Familie- Wallich standen in der Reihe der berühmtesten Aerzte, sechs Sprossen aus dem Hause der Günsburg erwarben im finsteren Oesterreich und in Polen Ehre und Glanz dem Namen des jüdischen Arztes.