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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 99

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Über jüdische Ärzte
Date
1902-01-01
Page
Seite 99 (sequence 22)
Language
German
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99 feilte Beispiele dieser Neigung. Aber die christliche Kirche hat die diesbezügliche Thätigkeit ihrer Geistlichen nie gebilligt und sie wiederholt strengstens verboten. Eine von Pius V. erlassene Bulle verfügt, daß der Arzt für das Seelenheil des Patienten derart sorge, daß er ihm die Beichte und Communion befehle und das diesbezügliche Zeugniß bei der dritten Visite fordere, ohne welches er beiStrafe und Diplomverlust den Kranken nicht mehr besuchen darf. Die Sorge für das Seelenheil des Patienten befindet sich noch immer in unserer ärztlichen Eidesformel, daß aber der Arzt gleichzeitig den Seelentrost spende, oder daß der Geistliche sich berufsmäßig der Krankenpflege widme — das hat die Kirche niemals verlangt. Die ärztliche Wissenschaft lag außerhalb der Ambition der christlichen Theologie, die der Ueberzeugung war „ubi tres medici, duo athei“, daß von drei Aerzten zumindest zwei Gottesleugner sind. Wir haben gesehen, daß das Judenthum dies nicht befürchtete, es vielmehr gerne sah, wenn es in seinen Aerzten seine Seelsorger verehren, in seinen Seelsorgern hingegen über wissenschaftlich gebildete Aerzte verfügen konnte. Selbst unser berühmte Landsmann Saphir, dieser spöttelnde Epigone des geistvollen Judenthums, sagt: „Aerzte sollen sein wie die Priester so würdig, und sollen doch nicht sein wie die Priester, sie sollen nicht für den Himmel sorgen." Ansonsten konnte man von der Mehrzahl jüdischer Aerzte sagen, was man dem im Jahre 1581 verstorbenen berühmten Frankfurter Arzte Abraham ben Samuel Levi auf dem Grabstein schrieb: „Er war des Leibes und des Geistes großer Arzt und die Kenntniß der Gotteslehre half seiner Kunst." Doch nicht bloß die Theologie bildete die Ambition des Wissensdranges jüdischer Aerzte. Ueberall, wo es die Pflege eines Wissenszweiges galt, war der jüdische Arzt zu finden. Davon, daß sie in der ärztlichen Wissenschaft hervorragten, und daß ihnen hierin ihre große Sprachkenntniß zu Statten kam, habe ich bereits gesprochen. Der mohamedanische Arzt verstand zumeist bloß arabisch, der christliche nebst seiner Muttersprache nur noch lateinisch. Der jüdische Arzt beherrschte das Hebräische, Arabische, Griechische, Lateinische, Spanische und Französische und trug die Wissensschätze dieser Sprachen wie

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