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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 96

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Über jüdische Ärzte
Date
1902-01-01
Page
Seite 96 (sequence 19)
Language
German
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96 Menschenliebe in der Behandlung von Kranken und Leidenden? Die großen Lehrer des Judenthuins haben zwar das Handwerk auch nicht verpönt, und schon längst bekannten und bethätigten unsere Weisen die Ansicht, welche einer der Weisesten unserer Zeit, der umlängst verstorbene John Ruskin, verkündete, daß nämlich der geistige Genuß ohne körperliche Mühe dem Menschen ebenso zum Schaden gereicht, als die körperliche Arbeit, mit welcher kein geistiger Genuß verbunden ist. Viele von den Größen des Talmud übten ein Handwerks der war ein Gerber, jener ein Faßbinder, der seine Vorträge auf dem selbst verfertigten Fasse sitzend hielt. Die vollkommenste Harmonie der physischen und geistigen Arbeit erblickten aber die Juden in der Verbindung des rabbinischen und ärztlichen Berufes, Und staunenerregend waren die auf beiden Gebieten erreichten Erfolge des jüdischen Seelsorger- Arztes. Die Beschäftigung mit der Religion als mit einer Wissenschaft bewahrte den jüdischen Arzt davor, daß er ein edleren Ideen gleichgiltiger, mehr dem Erwerb als dem Berufe lebender Arzt-Arbeiter werde; den in der ärztlichen Wissenschaft bewanderten jüdischen Seelsorger hielt eben diese Kenntniß des realen Lebens zurück, in seiner religiösen Anschauung und Lehre einem der Kritik des Naturforschers nicht Stand haltenden Mysticismus und Aberglauben nachzugehen. Die Medizin ließ in dem jüdischen Rabbi den fanatischen Zeloten nicht aufkommen, die Theologie hingegen verhütete, daß in dem jüdischen Arzte der rohe, abstoßende Materialismus zur Geltung komme. Und daß ich Ihnen hier nicht etwa eine willkürliche, durch meine lebhafte Phantasie geschaffene und gezeichnete Figur des jüdischen Arztes vorführe, sondern im Rahmen der Wirklichkeit mich bewege, das will ich durch den Hinweis auf den Mann erhärten, in welchem das Ideal des jüdischen Arztes und Rabbiners am ausgeprägtesten ist. R. Moses ben Maimon ist nicht nur unter den Aerzten, sondern auch unter den jüdischen Religionsgelehrten eine strahlende Lichtgestalt, von welcher ein -geflügeltes Wort sagt, „daß von Moses bis Moses niemand war wie Moses". Seine Genialität vermochte nicht bloß das System des größten Philosophen und Naturforschers des Alterthums, Aristoteles,

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