Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Über jüdische Ärzte
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 18)
- Language
- German
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95 der nicht irreführt, sondern die Kranken mit zärtlichem, gutem Herzen tröstet und mit Hoffnung belebt. Also hat sich aber der Typus des jüdischen Arztes nicht dadurch entwickelt, daß er einen abgeschlossenen Stand bildete, als vielmehr dadurch, daß sich diesem Berufe zu allen Zeiten jene zugewendet haben, denen Verstand und Gemüth die Eignung verlieh. Dem jüdischen Arzte wurde von seinen Lehrern Abba- Umna als Vorbild hingestellt, der im vierten nachchristlichen Jahrhundert lebte und der für seinen ärztlichen Beistand von Gelehrten und Armen keine Entlohnung annahm, den armen Reconvalescenten vielmehr selbst aus Eigenem gab und sprach: „Kaufet euch, meine Kinder, Fleisch und Brot, denn diese sind die Heilmittel, die euch noththun". Derselbe Arzt brachte seine Büchse außerhalb seines Zimmers an, daß selbst derjenige, der wenig an Honorar einwerfen konnte, sich nicht schäme, seine Hülse in Anspruch zu nehmen. Nicht als ob die nüchterne Ansicht des jüdischen Volkes das gering angeschlagen hätte, was man seinem Arzte schuldet, sagt ja schon der Talmud im Tractat Baba-Kama, daß „ein Arzt, der um ein weniges heilt, auch wenig werth ist". Und diese gesunde Ansicht bildet den Schlüssel zu jener ganz eigenartigen Richtung in der Entwickelung der jüdischen Aerzte, daß sie nämlich während vieler Jahrhunderte auch die Seelsorger des Judenthums, der jüdischen Gemeinden waren. Als Rabbiner durften sie keine Bezahlung annehmen, sie verdienten sich daher .durch die ärztliche Praxis, was zu ihrem Lebensunterhalt erforderlich war. Diese an der Spitze der jüdischen Gemeinden stehenden Rabbiner-Aerzte sind die Verkörperung der praktischen Nüchternheit und, eines weisen Idealismus. Der Idealismus liegt in der Auffassung, daß man für den Dienst der Religion und das Lehren der Moral keinen anderen Lohn oder Sold annehmen dürfe, als den, der in der Erfüllung dieser hehren Pflicht liegt; der gesunde Realismus hingegen darin, daß man im Interesse der Unabhängigkeit der reinen Wissenschaft den Lebensunterhalt des Gelehrten durch anderweitige, nutzbringende Beschäftigung sichern müsse. Und hätte man je einen Beruf finden können, der den Lehren der Moral angemessener gewesen wäre als die Bethätigung wahrer