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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 94

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Über jüdische Ärzte
Date
1902-01-01
Page
Seite 94 (sequence 17)
Language
German
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94 Bosheit von ihnen sagen, daß sie auch auf dem Gebiete d^r ärztlichen Kunst dasselbe thaten, wie im Handel — daß sie auch hier die Makler waren) sie gaben und nahmen das Wissen des Ostens und des Westens, sammelten, bewahrten und überlieferten der neuen Zeit die wissenschaftlichen Schätze der älteren. Es ist daher schwer zu erklären, wie sich unter solchen Umständen ein scharf hervortretender, prägnanter Typus des jüdischen Arztes entwickeln konnte. Und doch war dem so. Die Aerzte bildeten im Judenchum keine besondere, abgeschlossene Kaste und ragten dennoch ganz anders hervor als bei andern Völkern. Im Allgemeinen war das Ansehen des Arztes bei den Römern, die ihre Sklaven zu Aerzten ausbilden ließen, kein großes, und nicht anders hielt man es auch in den nach dem Sturze des römischen Reiches entstandenen christlichen Ländern. Sagt ja Juvenal: „Innnnierabiles niordos niiraris, medicos numera“, wunderst Du Dich über die Unzahl der Krankheiten, dann zähle die Aerzte. Ein Theil der Aerzte, die Chirurgen, gehörten in christlichen Ländern durch lange Zeit zu den Leuten mit unlauterem Erwerb, deren Söhne keine ehrsame Zunft als Meisterlehrlinge annahm, und in China setzt man heute noch, wie seit vielen Jahrtausenden den Namen des behandelnden Arztes auf den Grabstein des Verstorbenen, was ohne Zweifel nicht als Beweis des Wohlwollens und der Werthschätzung für den Arzt gelten kann. Ungleich günstiger hingegen war die Stellung des jüdischen Arztes in seinem Volke und bei seinen Glaubensgenossen. Der Spruch Sirachs: „Schätze den Arzt, denn du brauchst ihn, durch sein Wissen kann er sein Haupt erheben, es verschafft ihm die Gunst der Fürsten. Fühlst du dich kank, dann bete zu Gott und rufe den Arzt, denn ein weiser Mann verachtet nicht die Heilmittel der Erde" — wird heute noch oft citirt. Und nennt Jeremia jene, die das Volk über sein Uebel irre führen, „leichtfertige Aerzte", und Hiob seine Freunde, die ihn quälen, statt zu trösten „thörichte Aerzte", so zeigen diese Beispiele insgesammt, wie das Ideal des Arztes in den Augen des Juden beschaffen war: Ein Gelehrter, erhobenen Hauptes, ehrwürdig, mit den Heilmitteln der Erde vertraut.

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