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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 85

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Über jüdische Ärzte
Date
1902-01-01
Page
Seite 85 (sequence 8)
Language
German
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85 Montpellier noch heute bestehende Aerzteschule wurde im Jahre 1025 fast ausschließlich " von jüdischen Aerzten gegründet. In Padua und Salerno wurden an den Universitäten medizinische Vorlesungen in hebräischer Sprache gehalten, und im Jahre 1301 ereignete sich iu Montpellier etwas, was heutzutage weder in Frankreich noch sonstwo denkbar wäre, daß zum Decan der medizinischen Facultät ein jüdischer Arzt, der große Gelehrte Profatius, gewählt wurde, unter dessen Amtsführung die medizinische Schule von Montpellier ein solches Ansehen genoß, daß sievselbst die Pariser in den Hintergrund drängte. Ein solcher Fehler aber wurde dazumal rasch und gründlich gut gemacht, indem man vorerst den Juden den Zutritt zu den medizinischen Schulen untersagte und dann erklärte, daß nur absolvirte Schüler solcher Anstalten den ärztlichen Beruf ausüben dürfen, und als die Juden diese Hindernisse siegreich überwanden, da wurden sie einfach aus Frankreich vertrieben. Trotzdem blieb der jüdische Arzt wissenschaftlich nicht zurück und trug diese Wissenschaft mit sich immer weiter, und Tobia Cohen, der gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts Leibarzt des Sultans in Constantinopel war, schwenkt die Fahne der ärztlichen Wissenschaft, wenn er sagt: „Das Kuriren ist sehr leicht im Munde des Charlatans, aber sehr schwer in den Augen des wahren Arztes". Die Wissenschaft war das Schild der jüdischen Aerzte, und wird der Umstand, daß schon die ersten Könige des Frankenreiches sich an jüdische Aerzte wendeten, von Voltaire in dessen sarkastischer Methode damit erklärt, „daß man wegen der Unwissenheit des christlichen Europa sich an jüdische Aerzte wenden mußte", so ist dies noch immer keine so aufrichtige Huldigung des malitiösen Philosophen vor den jüdischen Aerzten, als wenn es von einem derselben, seinem Zeitgenossen, dem. jüdischen Arzte Jean Baptiste de Silva, sagt, daß er „ein Arzt sei, den selbst Moliere, der große Gegner der Aerzte zu verspotten nicht gewagt hätte". Oder ist es auch nur denkbar, daß in Deutschland, an diesem mitunter nur schwach glimmenden, aber nie erlöschendem Herde des Judenhasses, jüdische Aerzte selbst in den Tagen des schlimmsten Hasses eine derart angesehene Stellung ohne

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