Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Über jüdische Ärzte
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113302--1281-3113403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
83 Welchem Umstande ist nun diese große, selbst die Bollwerke des Hasses erschütternde Macht der jüdischen Aerzte zu danken? Bor einigen Wochen schrieb der französische Berichterstatter Carrsre von dem südafrikanischen Kriegsschauplätze, daß die sympathischesten Gestalten des ganzen Krieges die Aerzte sind, die Freund und Feind mit der gleichen, aufopfernden Sorgfalt hegen und pflegen. „Denn" — schreibt Carrere — „die Aerzte leben an der Grenzlinie der Menschheit, dort, wo Leben und Tod einander berühren und dies stimmt ihre Seele mild und teilnahmsvoll." Diese geistvolle Bemerkung eines zeitgenössischen Schriftstellers ist besonders zutreffend bei den jüdischen Aerzten aller Zeiten. Sie lebten als Juden und als Aerzte an der Grenzlinie der Menschheit und standen gleichsam auf stetem Vorpostendienste, und so ward ihr Herz milde, aber auch ihr Geist stark und ihr Wille entschlossen. Ja, die unverfälschte Nächstenliebe und der scharfe, gut geschulte Geist jüdischer Aerzte, hat sie groß gemacht und mächtig — in der Vergangenheit. Zwar sagt Hans Sachs: „Dünkt sich Arzt ein jeder Fexe, Jude, Laie, Mönch und Hexe —" und stellt so den Juden an die Spitze der Kurpfuscher, trotzdem ist es aber zweifellos, daß die Juden nicht durch diese Art des Heikens zu Ruhm und Ehren gelangt sind. Nicht Kurpfuscher, sondern gebildete und auf einer hohen Stufe zeitgemäßen Wissens stehende Aerzte gab das Judenthum den mohamedanischen und christlichen Völkern, in deren Mitte es lebte. An den ärztlichen Schulen waren Juden durch ganze Jahrhunderte nicht allein Schüler, sondern auch Lehrer. Zur Zeit Harun al-Raschids lehrte der jüdische Arzt Sahl in Bagdad, und die Zahl seiner Schüler war so groß, daß er seine Vorträge auf offenem Marktplatze abhalten mußte. Sein Sohn war auch ein berühmter Arzt, trat aber zum Islam über und blieb in dieser Beziehung im Laufe der Zeiten nicht vereinzelt. Die jüdischen Aerzte wurden aber dennoch nicht weniger, denn in Keiruwan, diesem Mittelpunkte der mohamedanischen Welt Afrikas, bildete sich eine jüdische medizinische Schule, welche während dreier Jahrhunderte berühmte Aerzte in die Welt geschickt hat. Und spreche ich von Ruhm, dann messe ich ihn nicht mit heutigem 6*