Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Über jüdische Ärzte
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113302--1280-3113402- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
82 christlichen Missionären angenommen und so kam es, daß der vor einigen Jahren in die Zambeni-Gegend sich begebende ungarische Jesuit P. Menhart sich zuvor an den Kliniken unserer Universität etwelche ärztliche Kenntnisse aneignete, um so dem Gottesworte mehr Anerkennung, seiner Person hingegen mehr Sicherheit verschaffen zu können. Denn vergeblich hat das eine Concil beschlossen, jüdischen Aerzten die Behandlung christlicher Kranken zu verbieten, und die an jene sich wendenden Christen mit dem Banne zu belegen; das folgende Concil sah sich schon genöthigt, diese Strenge dahin zu mildern, daß man sich an jüdische Aerzte nicht wenden darf, es sei denn, daß keine andere Hilfe möglich wäre. Vergeblich wendeten sich die mächtigen Grafen von Burgos an den König von Castilien mit der Bitte, den Juden die Behandlung von Christen zu verbieten, die Antwort lautete dahin, man könne ihnen eine Wissenschaft, durch welche sie der Menschheit zum Nutzen gereichen, unmöglich untersagen. Vergeblich wurden die Juden mitsammt ihren Aerzten aus Frankreich vertrieben, Franz I., König von Frankreich sehnte sich in seiner Krankheit nach einem jüdischen Arzte und bat den deutschen Kaiser Karl V., ihm einen solchen zu senden. Da aber das Aeußere desselben nicht genug jüdisch war, wurde er heimgeschickt, und nun ließ sich der König von Frankreich durch seinen Gesandten in Konstantinopel einen jüdischen Arzt kommen, der dem Könige Eselsmilch zu trinken gab und ihn also aus schwerer Krankheit kurirte, woher sich auch in Frankreich und späterhin in ganz Europa der Gebrauch der Eselsmilch als eines diätetischen Heilmittels verbreitete. Vergebens zog der feurigste antisemitische Wanderapostel des Mittelalters, Bruder Bernardin, von Stadt zu Stadt, um Haß gegen die jüdischen Aerzte zu predigen; seine eigene Vaterstadt Siena wählte einen Juden zum Physikus. Und vergebens schlossen die Päpste die Juden in die verseuchten Judenviertel Roms, eine ganze Reihe von Päpsten hatte jüdische Leibärzte und Leo X., der Erbauer der Peterskirche, ernannte den Juden Zarsati zu seinem Arzte, erlaubte ihm in seinem Hause ein Bethalle zu errichten, und die Nachkommen der Familie Zarsati dienten als jüdische Aerzte noch unter den nachfolgenden Päpsten.