Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Über jüdische Ärzte
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113302--1277-3113399- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
79 hörte, mich ihrer bei Rigorosen und sonstigen Anlässen häufig erinnerte, und ich gestand es mir nicht selten in aller Sülle ein, daß die gleichgesinnten Geistesverwandten meines besagten Glaubensgenossen, der den Aerztestand so gering achtete, sich sehr vermehrt haben müssen. — Dagegen aber, als hätte diese Auffassung über die Wichügkeit des ärztlichen Berufes dem Gedankengange des Judenthums und der in ihm lebenden Tradiüon entsprochen, könnte ich mich heute noch lebhafter verwahren, als ich vor 20 Jahren es gethan. Falls ich heute über diese Frage diskuüren müßte, könnte ich mich nicht nur darauf berufen, daß ein Volk, dessen größtes Gesetzgebot die Hygiene zum Bestandtheil der Religion erhoben hatte, dessen Gelehrte durch viele Jahrhunderte hervorragende Aerzte der Culturwelt gewesen sind, unmöglich der Ueberzeugung sein kann, daß für den ärztlichen Beruf nur die geringer Begabten geeignet seien. Es ist wahr, daß in neuerer Zeit gar vieles in Israel sich geändert hat, mithin es nicht ausgeschlossen erscheint, daß auch in dieser Hinsicht nicht alles zum Besseren sich wendete, aber die Ueberlieferung, welche den weisesten Fürsten der Juden, den König Salomo, für den Verfasser des ersten großen medizinischen Werkes hält und die Verfügung des Tractates Sanhedrin, daß ein anständiger Jude in einer Stadt, in der kein Arzt ist, sich nicht ansässig machen soll, beweisen doch, daß im jüdischen Volke und in seiner Religion die Wertung des ärztlichen Berufes und Wissens gleich groß war. Fast scheint es, als wäre diese Wertung mitunter eine übertriebene gewesen, denn von Esra, dem Neugründer des jüdischen Staates, berichtet die Ueberlieferung, er habe die ärztlichen Schriften Salomos aus Furcht, das Volk könnte ihnen mehr als den Gesetzen Moses trauen, vernichtet. Die Essäer hielten Frömmigkeit und Pflege der Heilkunst für ihren Berus, und der hervorragendste Jünger dieses Ordens, Jesus, gewann zumeist durch seine Wunderkuren das Vertrauen des Volkes, wie es in dem Evangelium nach Marcus heißt: „Ein Weib aber, das 12 Jahre den Blutgang hatte und von vielen Aerzten vieles erlitten und all das ihrige aufgewendet und keine Hilfe gefunden hatte, sondern vielmehr schlimmer geworden war, kam-und fühlte am Körper, daß sie