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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 72

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Moses und Michel Angelo
Date
1902-01-01
Page
Seite 72 (sequence 16)
Language
German
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72 Moseh, wie klein im Geiste bei aller Größe im Leibe! Mußte es.Dir widerfahren, daß Du an geweiheter Stelle in Satyrgestalt aufgerichtet wurdest, gleichsam Dir zum Trotze, der Du das Gebot Deines Gottes verkündetest: Du sollst Dir kein Bildniß machen! War es ein Hohn gegen das erste Gesetz Deiner zwei Tafeln, der dem tückischen Feinde der Menschenseele dies gelingen ließ, dies Meisterstück der Lüge! Moseh, Du abgesagter Feind alles Bildwerks an heiliger Stätte, Du selbst mußt hier zu Deinem eigenen Spotte sitzen und einen Widerspruch gegen Dein hohes Gebot aussprechen! Und als ob daran nicht genug wäre, mußte man Dir noch den Schabernack hinzufügen. Dir jenes Symbol aufzusetzen, mit dem das wüste Heidenthum die zeugende Naiurkraft, ihre höchste Religionsidee, aussprach, die Widderhörner des Satyr! Tiefer nnd tiefer nachtete es vor meinen Augen) der Schlaf überwältigte mich und wob mir ein Traumbild, als Nachtrag meiner träumerischen Gedanken. Die Marmorgestalt des Propheten ward mir wieder in einer Art Zwielichtes sichtbar, sie blickte noch immer wie erwartend gegen die Kirchenthüre. Jetzt öffneten sich weit die Flügelthüren, durch welche zwei hohe, den Erdenbewohnern, wie wir es sind, kaum mehr gleichende, seltsame, fremdartige Menschengestalten hereinschritten. Die eine trat voran herein. Eine hohe Figur, im weißen, wollenen, faltigen Mantel, mit einem Purpursaum verbrämt, um das von schwarzen Locken umwallte Haupt eine weiße Binde, von welcher herab ein Schleier, der das Gesicht bedeckte, herabhing) die andere, nicht minder hohe Gestalt in einem schwarzatlassenen Koller, mit Goldtressen besetzt, auf dem Haupte ein Sammetbarett mit weißer Straußenfeder, mit der Linken die Rechte des Begleiters fassend, in der anderen Hammer und Meißel tragend. Es war M. Angelds Gestalt. Sie naheten neben einander mehr schwebend als gehend und blieben vor dem Grabmale des Papstes stehen. Der Künstler sprach zuerst: Tritt hierher, Moseh! Dies ist der rechte Standpunkt, aus dem mein Moseh gesehen sein will. Schau ihm gerade ins Antlitz! Nun sage mir, habe ich in

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