Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Moses und Michel Angelo
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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71 So dämmerte ich noch ein Weilchen zwischen Schlafen und Wachen hin, als mich eine Weiberstimme munter machte. Ein Mütterchen mit zwei Töchtern in tiefster Trauer waren herangetreten und fragten nach dem Sakristan. Ich zeigte ihnen die nähe Thüre; das Mütterchen mit ihren Töchtern trat ein und kam bald, geführt von einem Priester, wieder heraus. Der Priester nahm Platz hinter einem schwarzgemalten Tisch, holte Schreibmaterialien aus der Schieblade und schrieb. Er erhob sich, nachdem er das Papier mit Sand bestreut hatte, übergab es der Frau und schenkte den Töchtern einige buntgemalte Heiligenbilder. Als die Frauen die Kirche verließen, sagte mir der Priester: das Blatt sei eine Quittung für den richtigen Empfang des Geldes für fünf Seelenmessen für ihren jüngstoerstorbenen Gatten gewesen, damit er um desto schneller aus dem Fegefeuer erlöset werde. O. 8. 8. murmelte ich, indem ich mich wieder bequemer auf meiner Bank zurecht setzte und sah die gewaltige Gestalt Mosehs von Neuem mit großer Spannung an. Mir war's, als sähe ich den Meister daran arbeiten, als hörte ich das Picken des Hammers, das Fallen der Marmorfragmente. Jetzt trat das Haupt des größten aller Sterblichen hervor, trotzig-böse nach der linken Schulter gewendet. Die Nase athmet Muth; die Augen groß in tiefschattenden Höhlen. Von der Stirn droht ein tiefer Ernst herab, während vom Kinn, wie ein wallender Strom, der Bart herabfließt, in dessen Wellen die Finger der linken Hand wühlen. Dieser kolossale Arm ist frei, während sich der rechte auf die beiden Gesetzestafeln lehnt. Jetzt fällt das faltige Gewand von den Schultern auf den Boden herab. Das linke Bein ist gebogener als das rechte und beide in der Art gewendet, als wenn der Riese eben aufzuspringen im Begriff wäre. Man sieht, ihm ahnt nichts Gutes! Von seinem Stand- oder besser Sitzpunkte aus wendet sich das Antlitz Moseh's nach der Thüre der Kirche hin. Welche Gedanken mir dabei durch den Kopf fuhren, ich weiß es nicht, aber einer stellte sich allen voran und trat immer wieder in den Vordergrund; er packte mich und ließ nicht ab, mir immer wieder entgegen zu treten: Moseh,