Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Moses und Michel Angelo
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 14)
- Language
- German
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70 — bereits überschritten hat. Es ist ein Anderes, wenn der griechische Bildhauer seinen Heldenjünglingen im Verhältniß zu gewöhnlichen Menschen und zu Thieren, selbst größerer Art, z. B. Pferden, Elephanten re., ungeheure Dimensionen giebt, und gewissermaßen durch diese eine geistige göttliche Uebermacht ausspricht. Denn jene Uebermacht war im Grunde doch keine andere, als eine materielle, ein Gigantenthum, eine Athletenkraft, die alle Kämpfe und Mühen siegreich überwindet und nebenher auch wohlthätig wirkt, aber stets, wo sie zur Demüthigung verlangt waren, in ihr Gegentheil Umschlägen, zur Verherrlichung und Vergötterung führten. Das hatte sich nun durch die geistigere Weltanschauung, durch die Ueberwindung der Materie, mächtig verändert; ein Moseh wird mit herkulischer Körpermasse vorgeführt, aus einem göttlichen Propheten, einem vielgeplagten Dulder, einem Sieger durch die Idee, zu einer rohen Fleischmasse, die nicht mehr in den Kreis der geistig-sittlichen Weltanschauung passen will. Es mag wahr sein, daß die Kunst des Meißels auf keine andere Weise, als in der Masse und ihren großartigen Verhältnissen das Geistige auszudrücken vermag; aber was nöthigt sie denn auch, das Geistige dieser reineren Natur auszudrücken? Den Stein, den man nicht heben kann, den lasse man liegen! Man erzählt von diesem außerordentlichen Meister, daß er zu seinen Bildwerken kein sogen. Modell vorher gemacht habe, sondern daß er, sobald seine Konzeption vollendet war, mit Meißel und Hammer ans Werk geschritten sei und den Marmorblock zu behauen angefangen habe. Dieses mag wohl fabelhast sein, wenngleich seine unvollendeten Werke, wie man deren in Rom und Florenz sehen kann, dafür zu sprechen scheinen. Kurz, man erzählt, er habe frischweg tapfer eingehauen, daß die Marmorstücke rechts und links davonflogen. Dann und wann setzte er ab, und beschaute aus einiger Distanz sein angefangenes Werk; fuhr indeß bald darauf wieder rüstig zu meißeln fort. Nicht lange, so schälte sich die in seiner Phantasie schwebende Riesengestalt aus dem rohen Blocke heraus und gewann äußerlich die gewaltige Form des idealen Phantasiebildes ihres Meisters.