Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Moses und Michel Angelo
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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69 stellung empört hat, und daß Ihre Entrüstung in der eines so ernsten Mannes, wie Gesner, ihre volle Rechtfertigung auch von außen her findet. Die bedarf man kaum, wo das sittliche Gefühl nicht nur, wo auch das wahrhaft religiöse und, ich möchte auch hinzufügen, das Schönheitsgefühl so eindringlich reden! sprach Katharina mit jener frohen Siegesgewißheit eines schönen Gemüthes. Doch danke ich Ihnen für Ihre Mittheilung. Die Bestätigung aus einem so ernsten Munde drückt unserem unlogischen Gefühl ein schützendes Siegel der Wahrheit auf. Doch nun fahren Sie im Texte fort, damit wir nicht wieder Gefahr laufen, unsere heutige Streiferei nicht beendigen zu können. Schlummerte ich ein — begann der Doktor von Neuem und fuhr dann fort: Dies Grabmonument Julius des Zweiten, verkümmert nach dem großartigen Entwürfe M. Angelds ausgeführt, zeigt in drei Nischen drei Marmorbilder dieses Meisters. In den beiden Seitennischen die Matriarchen Rahel und Lea, wie man sagt, die thätige und die beschauliche Liebe symbolisirend, in der größeren Mittelnische der Prophet, von dem es heißt, daß sich kein Gleicher nach ihm erhoben habe, macht denn auch richtig diesen Eindruck eines Unvergleichlichen, allein auf eine Schrecken erregende Weise. Es ist der Moment gewählt, da Moseh vom Horeb herabgestiegen in einer geringen Entfernung vom israelitischen Lager auf einem Felsvorsprung ausruht und den wilden Lärm unter ihm hört. Er wendet das Haupt horchend zur Seite mit weit geöffneten mächtigen Augen, als ob er nun auch aus der Ferne jene tobenden Gruppen und den Anlaß ihres wilden Treibens erspähen wollte. Im Bibeltexte drückt sich das in einem Zwiegespräche mit dem Begleiter, dem treuen tapferen Josua aus; der Künstler fühlte sich stark genug, in den Ausdruck des mächtigen, fast gigantischen Gesichts des Propheten all das zu legen, was die Bibel als zwischen Beiden verhandelt ausfaßt. Er hat ein Bildwerk geschaffen, das, wie kaum ein anderes, von dem Riesengeiste des Meisters und seiner übermenschlichen Einbildungskraft Zeugniß ablegt. Allein man wird zugleich gleichwohl inne, daß er in diesem sitzenden Kolosse die Grenze des ästhetisch und ethisch Schönen