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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 63

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Moses und Michel Angelo
Date
1902-01-01
Page
Seite 63 (sequence 7)
Language
German
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63 Erklären Sie mir doch, lieber Herr Doktor, woher es komme, daß man diesen ersten aller Propheten mit Hörnern'abbildet, unterbrach Katharina den Vorleser. Es war mir stets ärgerlich, den hohen Gottgesandten, als welchen ihn doch auch Türken und Christen anerkennen, mit einem so abscheulich thierischen Kopfschmuck abgebildet zu sehen. Zwar nicht immer so gräulich, wie an der Statue des Michel Angelo, indeß doch immer mit hornähnlichen Strahlen, die an der Stelle eines Geweihes aus der Stirn Hervorbrechen. Was mag die Künstler dazu veranlaßt haben? Ihr Schönheitssinn waüs gewißlich nicht! Nein, beim Himmel, rief lachend der Doktor. Ein solcher hätte sie umgekehrt von einer solchen Monstruosität abgehalten. So war es gewiß eine Art Symbolik, wie bei den Heiden im Oriente, sprach Herr Windlet. Diese haben ja viele ihrer Götter mit einem solchen Kopfschmucke verziert; z. B. die Venus von Askalon, die Astaroth mit dem Hörnerpaare, wie sie im a. T. genannt wird; die Luna, wo der Kopfputz einem gehörnten Monde gleicht; den Bachus, besonders den sogenannten Sabazius, den bärtigen Indischen, dessen Bildsäulen an gewissen festlichen Tagen dieses Hörnerpaar aufgesetzt erhielten, die man nachher wieder abnahm. Selbst die Griechen hatten noch diesen Brauch, den uns alte Schriftsteller aufbewahrt haben, z. B. der Lustspieldichter Aristophanes in den Acharnäern, wo er einen solchen Bachusumzug beschreibt, der eigentlich ein widerwärtiger Phallusdienst gewesen zu sein scheint. Gut für die Heiden! rief mit komischem Zorne unser Blondköpfchen. — Aber wie kommt unser hoher Prophet zu solchem schnöden Kopfputze? Wie eine christliche Kirche zu einem Bildwerke, das an einen indischen Sabadios tausendmal eher, als an einen Seher Gottes erinnert? Pfui über alle Kunst, wenn sie auf solche Abwege geräth! Jetzt begreife ich erst, warum man lieber alle bildende Kunst aus dem alten Gottestempel verbannt wissen wollte. So ein Moseh mit einem Paar Bockshörnern! Und er war doch der Mann eben nicht, sich ins Bockshorn jagen zu lassen!

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