Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Moses und Michel Angelo
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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…/3111067-3111076-3113301--1259-3113382- Visual Library
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62 vor allem jener Reise in die hesperischen Gefilde Neapels und der unvergeßlichen Abende in der Villa Auriemma, da es mir vergönnt war, in das liebe treue Mutterauge zu blicken und von den Lippen des edlen Entschlafenen so manches Wort erhabenster Weisheit und Wahrheit zu vernehmen. .... Immer und immer erschien mirvIhr hochverehrter Gatte wie einer der alten griechischen Weltweisen oder wie ein solcher seines Volkes des fünfzehnten oder sechszehnten Jahrhunderts, von denen wir wissen, daß ihre Wissenschaft und Lebensweisheit weit und breit berühmt und gesucht war unter Juden und Christen — so edel, so tief, so ruhig schön, so mild und liebevoll war immer seine Rede und mit wahrer Erbauung und Herzerquickung hing ich an seinen Lippen. Was gäbe ich darum, fände sich ein Berufener, der uns eine warme und lebendig geschriebene Lebens- und Charakterskizze des edlen Hingeschiedenen gäbe. Wie gern thäte ich es selbst, aber mir geziemt es nicht: ich habe ihn zu flüchtig gekannt, als daß meine Feder fähig und würdig dessen wäre. . . ."*) Eine Situation, wie sie hier zum Ausdruck kommt, denke man sich als Hintergrund der folgenden Unterhaltung: Mose und Michelangelo. An der letzten der Säulen des Schiffes der Kirche San Pietro ad vincola findet sich ein hölzernes Reisebänkchen dem Denkmale des gewaltigen Kirchenoberhauptes, des Papstes Leo II., gegenüber, gerade breit genug für zwei Personen. Dort setzte sich das müde Geschwisterpaar dicht neben einander, das berühmte Denkmal Michel Angelds schweigend zu beschauen. Aber mich hatte der Ostwind betäubt und ich schlummerte ein. *) Ludmilla Assing, die Nichte Varnhagens von Ense und Freundin Alexanders von Humboldt, wollte eine Biographie Steinheims verfassen, doch Steinheim gab es nicht zu: „Ich verbiete es Dir," so schrieb er am 9. Novbr. 1857, „weil ich mit Recht besorge, es würde aus Deinem Liebesblick, mein Kind, soviel Rosenlicht auf mich strömen, daß nunmehr alle Diejenigen, die mich im Leben nicht mit solchen bestochen-bestechenden Augen angesehen, wie Du, sich veranlaßt finden, auch ihrerseits die Augen zu öffnen und breite Schlagschatten auf meine Lichtscheibe fallen lassen oder entdecken.Weil Dein Onkel fürchtet, Du möchtest ihn zu rosenfarb malen, verbittet er sich die liebste Malerin."