Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Moses und Michel Angelo
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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60 ermöglichte ihm ein tiefes Eindringen in die heidnische und altchristliche Literatur. Er kam hierdurch zur Ueberzeugung, daß alle Religionen, namentlich auch die christliche, menschliche Werke seien. Nur vom Mosaismus erhoffte er die religiöse Wiedergeburt der Welt. Von diesem Gesichtspunkt, nicht vom Standpunkt des Kosmopoliten aus, wie sein Freund Gabriel Rießer, trat er in die Arena als einer der bedeutendsten Vorkämpfer für die Emancipation der Juden. „Man muß," so schrieb er hierüber an Zunz, „eine Sache aus ihrem Centrum heraus vertreten; jede seitliche oder peripherale Stellung macht einen üblen Effekt. Die Verteidigung unserer Rechte vom allgemeinen Standpunkt ist gewiß ein sehr verdienstliches Werk, aber das eines Dritten, allenfalls eines solchen, der kosmopolitisch über allen Parteien steht. Aber warum wird nicht der in seiner engeren Begrenzung stehende in die Allgemeine zu versetzen sein? Daß er in dieser stehen bleibt, macht ihn das nicht eben jener Vertheidigung in den Augen derer, die sonst dem Kosmopoliten Recht gaben, unwürdig? Wir können als Juden uns nur im und durch's Wesen des Judenthums vor der Vernunft und dem Rechte rechtfertigen." So verfaßte er denn neben seinen Emancipationsschristen, von denen namentlich Aufsätze in den „Kieler Blättern", „Offene Sendschreiben", „Meditationen" und Controversen mit Gutzkow bedeutendes Aufsehen erregten, die tiefempfundenen Gesänge: Sinai, Gesänge von Obadiah, dem Sohne Amos (495 Seiten) und Gesänge aus der Verbannung, welche sang Obadiah ben Amos im Lande Ham (92 Seiten), nach Wienbarg „eine Versenkung in den altbiblischen Gedenkkreis, wie sie wohl selten in der Literatur vorkommt". Seine dahin gehörenden Hauptwerke sind aber philosophischer Natur, voll Gedankentiefe und stolzer Bereitwilligkeit nur den eigenen Ideen zu folgen. Ich nenne: Aristoteles und die Sklavenfrage, Antagonismen gegen alte und neue Ausleger, Die Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge, 4 Bde. und das dem berühmten Hendrik Wergeland, dem schwedischen Hosarchivar und Dichter gewidmete Buch: Die Politik nach dem Begriffe der Offenbarung als Theokratie mit Bezugnahme auf die Republik Platons und die Politik des Aristoteles.