Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 34)
- Language
- German
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52 bestimmte Rubrik bringen ließen. Inniges Gottvertrauen, eine seltene Standhaftigkeit im Dulden und Tragen und ein wehmüthiger Humor sprechen aus diesen Volksliedern zu uns und geben uns ein treues Bild von dem Wesen und Leben der Juden im Osten. Die Volkspoesie war nie ein Fremdling in den Zelten Israels. Nicht nur der Bauer hinter dem Pflug, nicht bloß Mönch und Landsknecht, Handwerker und Pilger, Bursch und Mädchen offenbarten einander in Liedern von oft wunderbarer Innigkeit das Geheimnis ihrer Herzen und ihrer Leiden, sondern auch der Jude im engen Ghetto sang und singt noch immer sein Volkslied. Und wenn dieses nicht immer einen milden Klang hat, so ist dies mehr die Schuld derer, die diese Klagelaute erpreßt, als derer, die in ihnen, was sie leiden und fühlen, ausklingen lassen. Wenn wir uns darüber zu beklagen haben, daß die Poeten den großen Konflikt der Zeitereignisse so wenig behandeln, so werden wir durch eine Betrachtung der sog. politischen Litteratur reichlich entschädigt. Aus der Fülle des hier Dargebotenen können wir aber nur Einzelnes herausgreifen, das charakteristisch ist und das Jahr überdauern dürfte. Alle anderen Erscheinungen auf diesem Gebiete fallen gewöhnlich mit den Blättern im Herbste. Am meisten interessiren uns natürlich die Schriften, die sich mit der inneren Organisation des Judenthums beschäftigen. Ich zähle hierzu das treffende Mahnwort von Josef Feiner, das über den Unterricht in der Schule und über die Fortbildung im Hause wahrhaft beherzigenswerthe Anregungen giebt. Ein ganzes System der „nationalen Kultur" und des Zionismus, das aber auch für Nichtzionisten von großem Interesse ist, entwirft N. So ko low in einer hebräischen Schrift. Nicht geringes Aufsehen hat in diesem Jahre das Werk von H. S. Chamberlain: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts erregt. Es hat sowohl wegen seiner extrem nationalen wie wegen der leidenschaftlich antisemitischen Haltung viele Gunst aber auch heftigen Widerspruch erfahren. Unter den gegnerischen Schriften ist namentlich, eine von einem bekannten Vorkämpfer unserer Rechte anonym herausgegeben.