Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 32)
- Language
- German
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50 den Söhnen unseres Stammes, dem dieser Künstler angehört, noch manches zu erwarten hat. Aus der Leidenszeit der Juden im Mittelalter hat ein moderner Dichter, Josef Laufs, den Stoff zu feinem Epos: Die Geislerin entnommen. Adel der Gesinnung und Schönheit der Form zeichnen die Dichtung aus; eine reiche Fülle charakteristischer Gestalten umrankt die Erzählung. Der Dichter kennt keine Voreingenommenheit, er schildert die Vorgänge treu und wahr. In der kleinen Dichtung decken sich der tiefe Gehalt und die schöne Form fast völlig. Recht aus „jüdischer Seele" hervorgegangen sind die Gedichte von I. Loewenberg. Am meisten fesseln uns darin die Lieder eines Semiten; in ihnen giebt der zart empfindende Dichter in vollendeter und zu Herzen sprechender Weise die Gefühle wieder, die die judenfeindliche Bewegung in seinem deutschen Geiste erweckte. Die zweite Gruppe behandelt Stoffe und Gestalten aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Litteratur mit seltener Innigkeit und Gemüthstiefe. Seit langer Zeit haben wir keine lyrische Gabe erhalten, die uns so angesprochen hat, wie diese Gedichte. Ein Epos in 8 Gesängen von Max Jungmann: Irrfahrten, schildert in humoristischer Weise, Heines Manier nachähmend, den Konflikt zwischen nationaldeutscher und zionistischer Weltanschauung und stellt sich mit Entschiedenheit auf die Seite der letzteren. In demselben Lager kämpft auch N. H. Jmber, dessen nationale Gedichte den heißen Odem patriotischer Begeisterung ausströmen; und auch die Amerikanerin Nina Davis steht mit ihren Songs of Exil, ausgezeichneten metrischen Uebersetzungen mittelalterlicher hebräischer Poeten, dieser Weltanschauung nicht fern. Wenn man will, kann man sogar auch die Menoraklänge von L. Herschel hierher zählen. Die Poesie der Gebete Israels hat I. Gold - schmidt in formvollendeter Weise übertragen. Es ist die Frucht eines Lebens, die uns hier geboten wird. Der Dichter wollte eine Brücke schlagen zwischen unserm altehrwürdigen Gebetbuch und der modernen Zeit. Der Reichthum unserer Gebete an großen Ideen und poetischem Schwung sollte enchüllt und in der Form der Poesie unserer deutschen Muttersprache wiedergegeben werden, „damit die Ehrfurcht