Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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48 lange lebendig und in Fortbildung begriffen sei, als die Sprache produktiv ist. Nun haben aber die meisten Forscher bereits zugestanden, daß dies ein Jrrthum sei; die Sprache eines Volkes sei nichts als die äußere Erscheinung seines Geistes. Gerade die Juden haben im abgelaufenen Jahrhundert bewiesen, daß mit dem Stillstand der hebräischen Sprachentwicklung nicht auch der Geist selbst mit seiner ganzen Gestalt, mit allen seinen Herzschlägen eingesargt und begraben sei. Noch liegt ein reiches Gebiet vor uns, das nur wenig angebaut worden ist; es fehlt nur der Springquell des Genius, der seine Strahlen und Fluchen über dieses Gebiet ergösse. Bei diesem Zustand der Dinge müssen wir stoh sein, wenn wir von neuen Auflagen älterer und guter Arbeiten zu berichten haben. Es gewährt mir ein besonderes Vergnügen, mittheilen zu können, daß die Schriften von Karl Emil Franzos, dem Entdecker von Halbasien, in neuer'Auflage erschienen sind, sowohl die Kulturbilder, die er unter diesem Titel im Sommer 1876 zuerst veröffentlichte, als auch fein Meisterwerk: Die Juden von Barnow, wenn es auch traurig ist, daß die Zustände in jenen Ländern sich nicht geändert haben. Die sog. Kultur in Halbasien hat vielmehr traurige Früchte gezeitigt und der Glaubenshaß sich sogar noch vermehrt. Unter diesen Umständen gewinnen die Bilder, die Franzos aus jenen Ländern entwirft, heute noch mehr an Aktualität. Der köstliche Humor, die aufrichtige Wahrheitsliebe, die große Darstellungskunst dieses Autors nehmen uns wieder gefangen, und der Eindruck ist ebenso frisch wie der, da wir diese Bücher zum ersten Mal mit athemloser Spannung förmlich verschlungen haben. Daß die Verhältnisse in Galizien sich nach keiner Richtung hin verbessert, sondern im Gegentheil erheblich verschlechtert haben, lehrt uns übrigens auch eine neue Erzählung von Rosa Pomeranz. Auch die zweite Auflage einer Volkserzählung von A. Treu: Selke gewinnt durch die Zeitereignisse neues Leben. Einige Romane, deren Tendenz allerdings eine christologische ist, beschäftigen sich mit der Zeit der Entstehung des Christenthums, die heute mehr als je das Interesse in Anspruch