Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 12)
- Language
- German
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30 Neros, wobei es bemerkenswert erscheint, daß sich der Verfasser von den christlichen sowohl wie von den jüdischen Fabeln über jene Kaiser fern hält; von besonderem Interesse ist die unbefangene Schilderung des Verhältnisses von Vespasian, Titus und Domitian zu den Juden; von Marc Aurel ist der Autor ganz begeistert. Wie aus dem Gedicht auch hervorgeht, ist der äußere Gegensatz zwischen Orient und Occident im Römerreiche, der ungefähr unter der Regierung des Kaisers Septimius Severus einsetzt, auch innerlich vom ganzen Volk empfunden worden. Es ist bekannt, daß wir derartige Volksbücher wie dieses aus dem Altertum nur verschwindend wenige besitzen. Darum ist diese neue Untersuchung von solchem Werte; das Gedicht selbst wächst aber noch in seiner Eigenart an Interesse, da es zu dem Schlüsse berechtigt, daß so wie sein Verfasser die ganze Mittelmeerwelt damals gedacht hat. Gegenüber dieser reichen Arbeit von nichijüdischer Seite auf den verschiedenen Gebieten der Altertumswissenschaft nimmt sich das, was unsere Glaubensgenossen in diesem Jahre geschaffen haben, wiederum recht dürftig aus, und doch sagt ein sehr gewichtiger Zeuge, nämlich Eduard König in seiner Einleitung in das alte Testament ausdrücklich: „Die jüdische Exegese in der Neuzeit zeigt viel Streben nach richtiger sprachlich-geschichtlicher Auffassung des alten Testaments." Dieses Wort der Anerkennung sollte doch unfern Forschern ein Sporn zu weiterem Schaffen sein, zugleich aber auch ein Fingerzeig, nach welcher Richtung hin sie ihre Arbeit an der Bibel ausdehnen sollten. Leider geschieht meist gerade das Gegentheil. Wagt sich einmal einer unserer jungen Forscher auf diese gefährlichere Bahn, so geht er meistens in den Wegen der radikalen Bibelkritik. Ich wünschte wohl, daß dieWorte, dieeingreiserundberühmterForscher, Joseph Halevy, bei einem ähnlichen Anlasse ausgesprochen, in unseren Kreisen mehr beherzigt werden mögen. Er sagte da u. A.: „Die moderne Bibelkritik ist größtenteils in den Händen einer Schule, deren Programm eingestandenermaßen, wenn wir ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, darin besteht, den Nachweis zu führen, daß das neue Testament das alte überrage. Es wäre von einem nichtjüdischen Autor zu viel verlangt, wenn