Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113300--1225-3113349- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
29 seiner Ueberzeugung fyat der jüdische Hellenismus mindestens eben solche Geistesthaten hervorgebracht, wie das pharisäische Judenthum, und diesem Hellenismus will er zur Anerkennung und zu seinem Recht verhelfen. Von den Werken des Origenes ist jetzt der dritte Band in der Ausgabe von Erich Klostermann erschienen, der die Bibelkommentare dieses Kirchenvaters enthält. Von der Biographie des Hieronymus hat Georg Grützmacher die erste Hälsteerscheinen lassen,diebis zum Jahre 385 geht. Diewertvollste Gabe auf diesem Gebiete ist die Arbeit von Johannes Geffken über das 12. Buch der Sibyllinen-Orakel. Bei der Beschaffenheit, in welcher die sibyllinischenOrakel auf uns gekommen sind, ist es schwer möglich, jüdisches von christlichem überall mit Sicherheit zu scheiden. Bisher hat man eigentlich nur das dritte Buch als sicher jüdischen Ursprungs aufweisen können. Das 12. Buch hielt die Mehrzahl der Forscher bisher für christlich. Nun kommt Geffken mit dem überraschenden Nachweis, daß dieses Buch eine ziemlich vollständige römische Kaisergeschichte von Augustus bis auf Alexander Severus enthält, und daß der Verfasser desselben ein hellenistischer Jude aus der Zeit des Severus war, ein Mann des Volkes, der ohne große Bildung Menschen und Dinge mit anschaulicher Deutlichkeit schildert, insbesondere je näher die Erzählung seiner eigenen Zeit rückt. Dadurch wird dieses bisher vernachlässigte 12. Buch der Sibyllinenorakel ein wichtiges und interessantes Dokument, das man als eine Art von Volksbuch über die Persönlichkeiten und das Wirken der römischen Imperatoren ansehen kann. Es ist auch nicht ein ungeordneter Haufen von Nachrichten, sondern ganz einheitlich geordnet; allerdings wird Wahres mit Falschem vermischt, aber gerade deswegen spiegelt die Geschichte wohl das wieder, was man in der Provinz von den Kaisern durch Hörensagen wußte und welches Bild chres Lebens sich den Ueberlebenden eingeprägt hatte. Natürlich sieht da manches ganz anders aus, als die höfische Geschichtsschreibung oder die Ueberlieferung der Senatorenkreise es darstellte. Der neu entdeckte jüdische Geschichtsschreiber beginnt die Reihe der Kaiser mit Augustus. Die Erinnerung an diesen sowie an seine ersten Nachfolger ist allerdings nicht sehr stark. Plastisch wird erst das Bild