Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113300--1221-3113345- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
25 Aber wenn Adolf Harnack seine Studenten daran erinnert, daß die Bibel das Buch des Altertums, das Buch des Mittelalters und — wenn auch nicht auf öffentlichem Markte — das Buch der Neuzeit sei, wenn er ihnen ferner zuruft: „Was bedeutet Homer, was die Veden, was der Koran neben der Bibel!" so wird man es wohl auch einem Juden nicht verargen, wenn er an das „Volk des Buches" die Mahnung richtet, sich doch endlich den Besitz seines kostbarsten Heiligtums wieder anzueignen. Niemals war die Gelegenheit hierzu günstiger als in unserer Zeit, in der fast alle Positionen der Bibelkritik von objektiven und mächtigen Gegnern in einer so scharfen Weise angegriffen werden, daß das scheinbar so feststehende Gebäude derselben in allen Fugen zu krachen beginnt. Auf die Asiyriologen, die so viele biblische Erzählungen durch ueue Funde gerechtfertigt und so viele Konjekturen der Bibelkritik entkräftet haben, folgen jetzt die Historiker. Einer der kühnsten Forscher auf diesem Gebiete, Hugo Winkler, hat erst kürzlich Klage darüber geführt, wie schwer es für den Historiker sei, orientalische Quellen zu verwenden. Er sprach dabei von der Zwickmühle: Unfähigkeit der Orientalisten zu mehr als engster Philologie und Unmöglichkeit für den Nichtorientalisten, die Quellen und den Stoff ohne Beherrschung der Sprache richtig zu beurteilen. Will man aber die Sprache wirklich vollständig beherrschen, dann muß man zu uns und unseren alten Grammatikern kommen! Am schwierigsten erscheint diesem Forscher die Darstellung alles dessen, was auf alttestamentlichen Nachrichten beruht, denn diese wichtige Quelle, die so viele Edelsteine in der Ueberlieserung birgt, ist ja doch nur mit Hilfe einer Anzahl von kritischen Hilfsmitteln zu benutzen, die ausschließlich dem Fachmanne zu Gebote stehen. Winkler schließt seine bewegliche Klage mit folgendem kostbarem Geständnis: „Unsere angeblichen Bibelübersetzungen, auch die kritischen, könne in keiner Beziehung auch nur den bescheidensten Anforderungen genügen, welche der Historiker an sie stellen müßte." Wer sich an den Streit erinnert, der vor etwa vier Jahren zwischen dem Historiker Eduard Meyer und dem Bibelkritiker Julius Wellhausen in so lebhafter Weise geführt wurde, der wird dieser Klage zustimmen, die in jedem