Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 6)
- Language
- German
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24 vergleiche damit die Aeußerungen und Anschauungen Wellhausens, Harnacks u. a. Hat doch gerade dieser Letztere durch seine Rektoratsrede: Die Aufgaben der theologischen Fakultäten und die allgemeine Religionsgeschichte, von Neuem gezeigt, wie geringschätzig er über das Judentum als Religion denkt, indem er die Behauptung wagte: „Das Christentum ist nicht eine, sondern die Religion." Der gelehrte Kirchenhistoriker hat sich alsbald von einem politischen Blatte darüber belehren lassen müssen, daß auch der finsterste Fanatismus nicht einmal im Mittelalter verlangt habe, diesen Standpunkt einzunehmen, daß nicht einmal die glaubensreine Inquisition es bestritten habe, daß das Judentum auch eine Religion habe. Was ist aber solchen Aeußerungen gegenüber von unserer Seite geschehen? So gut wie nichts. Ich habe dieses eine Beispiel ausgewählt, um zu zeigen, wie notwendig es ist, auf diesem Gebiete Positives zu schaffen. Wer sich aber davon auch heute noch nicht ganz überzeugen lassen will, der lese eben jene Rektoratsrede ganz durch, denn sie enthält auch noch eine andere Behauptung, auf die die politischen Blätter, als nicht in ihre Sphäre gehörig, garnicht eingegangen sind. Harnack sagt nicht nur, daß das Christentum die Religion sei, sondern er begründet dies einfach dadurch, daß es die Religion sei, „deren Eigentum die Bibel ist," die die Bibel „besitzt". Ist aber der erste Teil dieses Satzes eine geradezu unerhörte Behauptung, so ist der zweite Teil, für uns wenigstens, eine traurige Wahrheit. Die Bibel ist allerdings unser Eigentum, aber wir haben uns dieses Eigentum entreißen lassen und wir besitzen es nicht mehr, wenigstens nicht in dem Maße, wie wir es besitzen sollten. Die Kenntnis der Bibel — es thut weh, solches zu sagen, aber es muß doch eingestanden werden — ist in nichtjüdischen Kreisen verbreiteter als in jüdischen. Die Arbeit an der Bibel und für die Bibel ist in christlichen Gelehrtenkreisen eine ungleich bedeutendere als in den jüdischen. Ich müßte befürchten trivial zu werden, wollte ich auch nur ein Wort zur Charakteristik dieser Verhältnisse sagen.