Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 5)
- Language
- German
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23 Wird nun ein solches Buch geschrieben werden? So fragte ich schon vor Wochen und Viele, die es gut meinen, stimmten meiner Frage und meinem Wunsche zu, aber eine positive Antwort habe ich bis heute nicht erhalten. Einer unserer besten und gediegensten Forscher, von dem ich weiß, daß er vor Jahren Vorlesungen über dies Thema vor Universitätshörern gehalten, die weit über den Kreis dieser hinaus großes Aufsehen erregt, und an den ich mich deshalb direkt gewandt habe, war der Einzige, der leider eine abweichende Meinung äußerte. Ich zitiere seine Meinung wörtlich: „Es ist eine wahre Not, in der unser geistiges Leben schmachten muß. Bücher wie die, welche Sie wünschen, können aber nicht bestellt werden; sie sind immer aus dem geistigen Leben unserer Gemeinschaft spontan herausgewachsen. Jehuda Halevi, Mendelssohn, Abraham Geiger waren mit ihren Werken fertig, als die Zeit ihrer bedurfte. Das Judentum war im 12. Jahrhundert reicher als jetzt, wo es sich so vorgeschritten dünkt. Dieser Zustand hat innere Ursachen, mit denen sich die jüdische Publizistik ernstlich beschäftigen müßte." Ohne Zweifel hat mein gelehrter Freund in vielem recht, was er in diesem Briefe sagt, aber nicht in allem. Es ist ja auch nicht unsere Absicht, ein solches Buch zu bestellen, sondern es ist nur der dringende Wunsch ausgesprochen worden, daß es geschrieben werde. Und zwar ist dieser Wunsch rege geworden in Folge der Angriffe, die das Judentum doch täglich von allen Seiten zu erfahren hat, und in Folge der Stellung, welche die moderne, sog. freisinnige Theologie unserem Bekenntnis gegenüber einnimmt. Wer sich nicht wehrt, der wird eben bei Seite gestellt oder nicht beachtet. Man weiß, wie sich jene Herren mit der vornehmen Phrase, die jüdische Theologie denke darüber freilich anders, über alle Verlegenheiten und Widersprüche hinwegzusetzen wissen. Nur Wenige können sich zu der Ehrlichkeit eines Holzmann oder Schürer auftaffen, welch Letzterer seine Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi mit dem Satze beginnt: „Keine Thatsache der evangelischen Geschichte, kein Wort in der Verkündigung Jesu Christi wäre denkbar ohne die Voraussetzung der jüdischen Geschichte und der ganzen Vorstellungswelt des jüdischen Volkes." Man