Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 4)
- Language
- German
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22 unserer Religion ist, welche Stellung sie der Wissenschaft, der Kultur, der freien Forschung, der allgemeinen Ethik und allen anderen Kulturreligionen gegenüber einnimmt. Diese Aufgabe aber muß in einem Buche über das Wesen des Judentums gelöst werden! Es wäre in diesem Buche zu zeigen, wie innerhalb des Judentums der Gottesgedanke sich langsam, aber sicher entwickelt hat, wie der Geist des Judentums aufs Innigste mit der Kultur der Alten, dem Ursprung und der Entwickelung des Christentums und allen großen Weltanschauungen seit Jahrtausenden verknüpft ist, wie schon in der Bibel und ebenso in den Reden der Propheten die höchsten Ideale der Sittlichkeit zum Ausdruck gelangen, wie der Grundgedanke der alles überwindenden Liebe sich wie ein roter Faden durch das ganze biblische Schrifttum zieht, wie die talmudische Tradition sich als eine Kraft der Entwickelung bewährt hat, welche das treibende Element innerhalb der Weltanschauung des Judentums bildet, und wie endlich mit dem Wiedererwachen des modernen Geistes auch innerhalb des Judentums der Morgen einer neuen Zeit angebrochen, indem ein harmonischer Ausgleich zwischen dem alte Judentum und der modernen Weltanschauung angestrebt und in ausdauernder Geistesarbeit durchgeführt wurde. Es gilt zu zeigen, daß die in unserer Zeit sich überall Geltung verschaffenden Ideen der Humanität, der sozialen Gerechtigkeit, der Gleichheit und Freiheit innerhalb des Judentums leben und wirken. Auf dieser Grundlage wäre sodann das Judentum in allen Phasen seiner Entwickelung und in seiner Weltanschauung nach den Quellen vorzuführen. Ein solches Werk müßte natürlich fesselnd und echt modern, aber auch schlicht und einfach, ohne jede Polemik, aber auch ohne Furcht und Bedenken geschrieben sein, so daß jeder Gebildete auch ohne theologische Vorkenntnisse in der Lage wäre, sich aus diesem Werke Rat und Kunde, Trost nnd Belehrung zu holen. Es ist selbstverständlich, daß ein solches Buch nur von einem hervorragenden Theologen geschrieben werden kann; gleichwohl dürste es kein theologisches sein, da es sonst seine Wirkung gänzlich verfehlen würde.