Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 3)
- Language
- German
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21 willkommene Gelegenheit, um ihren Schritt durch die bekannte Phrase von der Minderwertigkeit des Judentums und von der höheren sittlichen Entwickelung des Christentums zu motivieren. Dem gegenüber habe ich den sehnlichen Wunsch ausgesprochen, daß eine sachgemäße, aus den Quellen geschöpfte theologische Gegenschrift, oder was noch mächüger wäre, eine positive Darstellung von dem Wesen des Judentums geschrieben werde. Wir haben bereits viele Ansätze und Vorstudien zu einem solchen Werke, aber das Buch selbst fehlt uns leider noch immer und doch ist es so wichttg, daß es geschrieben werden muß. Wer die vielen Vorurteile kennt, die unter Nichtjuden, wie leider auch unter Juden, gegen das Judentum herrschen, wer mit dem Inhalt der meisten Schriften über Theologie und Bibelkritik von evangelischer wie von katholischer Seite näher vertraut ist, der wird uns ohne Rückhalt zustimmen. Wem von uns ist es nicht schon passiert, daß ihm von gebildeten Juden Fragen und Einwürfe entgegengestellt wurden, die die größte Unkenntnis über die Grundlehren des Judentums bewiesen? An wen ist nicht schon anderseits der Wunsch nach einem Werke herangetteten, aus dem man posittve Belehrung über das Wesen und die Bedeutung des Judentums sich holen könnte? Gerade in unserer Zeit, wo die wichttgsten religiösen Fragen auf der Tagesordnung stehen, und das Judentum als solches alltäglich in Zeitungen und Zeitschriften angegriffen, geschmäht und herabgesetzt wird, ja selbst von Solchen, die als Sachkenner gelten wollen und auch gelten, falsch aufgefaßt und demgemäß dargestellt wird, gerade in dieser Zeit ist eine belehrende Darstellung über das Judentum dringend notwendig. Unsere Gebildeten schwanken zwischen Haeckel und Harnack hin und her, zwischen der alles negierenden Naturwissenschaft und der das Judentum herabsetzenden protestantischen Theologie, zwischen einer Weltanschauung, die jede Religion zersetzt, und einer anderen, die das Judentum zu einem Nationalkultus herabdrückt. Das Judentum ist aber eine Weltanschauung, die weder die Naturwissenschaften, noch die protestantische Theologie zu fürchten hat. Die Aufgabe ist, zu zeigen, was das Wesen