Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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20 schließlich doch einmal gehört. Ist ja auch in diesem Jahre wenigstens einer unserer so oft und so dringend geäußerten Wünsche/wenn auch noch nicht ganz in Erfüllung gegangen, so doch der Erfüllung nahe gebracht worden, nämlich der nach einer zusammenfassenden jüdischen Realencyklopädie. So wollen wir denn als „das Volk der Hoffnung" die Hoffnung nicht aufgeben, daß auch unsere weiteren Wünsche mit der Zeit in Erfüllung gehen werden. Als der dringendste erscheint mir in diesem Jahre und angesichts der sich immer mehr zuspitzenden Verhältnisse der nach einem Buche, welches uns das Wesen des Judentums und dessen Stellung den anderen Religionen gegenüber klar und sicher vor Augen führte. Ich habe bereits an einer anderen Stelle diesen Wunsch in die Oeffentlichkeit geschickt und kann mich daher, auch auf das dort Gesagte (Allgemeine Zeitung des Judentums) berufen. Jeder Gebildete weiß, welch großes Aufsehen die Schrift von Harnack: lieber das Wesen des Christentums erregt hat. Neben dem Werke von Haeckel über die Lösung der Welträtsel ist es das gelesenste Buch dieses Jahres geworden. In kurzer Zeit sind mehrere große Auflagen erschienen, alle Zeitungen haben ausführliche und meist anerkennende Besprechungen gebracht. Man weiß, wie Harnack über das Judentum denkt, und wir haben erst jüngst Gelegenheit gehabt, anläßlich seiner Rektoratsrede über die Aufgaben der theologischen Fakultäten und die allgemeine Religionsgeschichte, gegen ihn zu polemisieren. Es ist sehr bedauerlich, daß sich nicht sofort ein hervorragender jüdischer Theologe gefunden hat, der gegen die Anschauung und Beurteilung des Judentums in Harnacks Werken die Polemik eröffnet und daneben dem berühmten evangelffchen Theologen eine Reihe großer Jrrtümer nachgewiesen hat. Gerade in jüdischen Kreisen wird das Buch Harnacks viel gelesen und zwar in den Kreisen,, die sich mit Vorliebe die feingebildeten nennen und dem Judentum gegenüber eine gewisse Vornehmthuerei an den Tag legen. Vielen jüdischen Studierenden ist Harnack die höchste theologische Autorität, und sie zitieren unaufhörlich seine Anschauungen über Judentum und Christentum. Denen, welche auf der Brücke des Uebergangs stehen, bietet Harnacks Jdeengang nun gar