Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5661
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 vativ-klerikaler und in Folge dessen auch judenfeindlicher Färbung. Hoffen wir, daß die Leitung dieser großen Fraktion den alten Grundsätzen treu bleiben, daß das intelligente und politisch durchgebildete Volk der Magyaren das Banner des Freisinns und der religiösen Gleichberechtigung, das es zu so schönen Erfolgen geführt hat, auch weiterhin festhalten wird. Dieses Banner weht noch immer über dem dritten Lande des Dreibundes, dem viel geprüften und doch so lebensfähigen Italien. Hier wurde, im Februar 1901, wieder ein Jude zum Finanzminister ernannt, und noch dazu ein erst vierzigjähriger Jude deutscher Herkunft, Leo Wollemberg. Dieser Staatsmann hat durch Begründung der ländlichen Hülfskassen in Italien und durch seine Bekämpfung finanzieller Mißstände großes Ansehen und berechtigte Volksthümlichkeit erlangt. Der junge König tritt also auch aus dem Gebiete konfessioneller Vorurtheilslosigkeit ganz in die Spuren seines edlen Vaters Humbert. Zu erwähnen ist, daß er einem anderen Juden, Luzzatti, das Portefeuille des Schatzministers anbot, der es aber ablehnte; und daß der Generaldirektor im Ministerium des Auswärtigen, Senator Malvano, ein Jude ist. Der deutsche Reichskanzler von Bülow, der nicht ein Wort zur Vertheidigung der elementarsten verfassungsmäßigen Rechte der deutschen Juden fand, der zuläßt/ daß Juden in Preußen nur mit Mühe Notare werden, in Sachsen und Hessen überhaupt kein öffentliches Amt erhalten, wird mit diesem Israeliten wegen Erneuerung des deutsch-italienischen Handelsvertrages negotiiren müssen. Es wird das die hochgeborenen deutschen Diplomaten recht merkwürdig berühren! Die italienische Regierung war in der Welt die einzige, die bei der Hohen Pforte gegen die Beschränkung jüdischer Reisender in Palästina Verwahrung eingelegt hat. Der italienische Botschafter in Konstantinopel wies darauf hin, daß für seine Regierung „es nur italienische Staatsbürger gebe, ohne Unterschied des Glaubens." Es ist wahrlich weit gekommen, wenn ein so natürlicher und selbstverständlicher Grundsatz in unserer Zeit nur durch einen einzigen Staat ausgesprochen und bethätigt wird.