Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5661
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Reichstagswahlen, die im Januar 1901 für die cisleithanische Hälfte des Staates vollzogen wurden, sind nicht geeignet, jenen Fleck wegzuwaschen. Zwar haben die eigentlichen Antisemiten, die Lueger-Leute, die „Christlich-Sozialen," elf Mandate verloren; fteilich sind in Wien selbst drei Juden gewählt worden — aber dafür war an vielen Orten ein Anwachsen der deutsch-radikalen und der alldeutschen Partei sestzustellen, die die Bekämpfung der Juden nicht minder als die Christlich-Sozialen auf ihre Fahne geschrieben haben. Ist auch die Aussicht eröffnet, daß in einiger Zeit die Hauptstadt dem schmählichen Joche Luegers entzogen wird, so ist hiermit für die allgemeinen Verhältnisse noch wenig gewonnen. Am unerfteulichsten stehen die Dinge in Galizien. Die Wahl einiger Renommir-Juden zu Abgeordneten ist eine Folge des schmählichen Bündnisses, das die Führer der galizischen Juden mit dem Comite des reaktionären, antisemitischen polnischen Adels geschlossen haben; dafür haben die Juden, unter der Leitung ihrer „Großen", vielfach gegen Liberale für ausgesprochene Klerikale und Judenfeinde stimmen müssen. Auch ein Beitrag zu der früher erwähnten moralischen Verkrüppelung unserer östlichen Stammesgenossen! Angenehm bei allem dem berührt nur der Gerechtigkeitssinn des greisen Kaisers Franz Joseph, der wiederum einen Israeliten, Universitätsprofessor Horath Dr. Theodor Gomperz, zum Mitgliede des Herrenhauses ernannt hat, wo dessen Bruder schon einen Sitz einnimmt. Auch in Ungarn hetzt die antisemitisch-klerikale sogenannte „Volkspartei" in der gewissenlosesten Weise, zumal indem sie aller Orten das Blutmärchen wieder aufzuwärmen sucht. Die ungarische Regierung hat sich endlich dazu entschlossen, dieser gefährlichen Agitation entgegen zu treten, indem sie die Weisung ertheilt hat, die Verbreiter der Blutlügen auszuforschen und zu strafgerichtlicher Verfolgung heranzuziehen. Die Reichstagswahlen, die soeben in Ungarn stattgesunden, haben die — liberale — Regierungspartei äußerlich nicht nennenswerth geschwächt. Leider behauptet man, die Rettung des äußeren Bestandes dieser Partei sei auf Kosten ihrer innern Festigkeit und Zusammengehörigkeit geschehen, und sie enthalte nunmehr zahlreiche Elemente konser-