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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 9

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Rückblick auf das Jahr 5661
Date
1902-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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9 Selbst England wagt es nicht mehr, fremden Staaten, wie Rußland, der Türkei, Rumänien gegenüber die Rechte seiner jüdischen Bürger in Schutz zu nehmen. Im Innern ihres Landes haben diese allerdings keinerlei Beeinträchtigung zu fürchten. Wie Königin Viktoria so ist deren Nachfolger König Eduard ein treuer Verfechter verfassungsmäßiger Freiheit. Er sagte einer Abordnung von Israeliten, die ihm zu seiner Thronbesteigung Glück wünschte: „Es wird stets ein Gegenstand meiner Sorge sein, die Ausdehnung einer gleichmäßigen Freiheit über alle Rassen und Arten meiner Unterthanen zu wahren und zu fördern." Solche Worte, solche Grundsätze machen eben die Momente aus, die wahre Bildung und Kultur von der offenbaren oder übertünchten Rohheit der Halbbarbarei unterscheiden. Die Bevölkerung Englands theilt vollkommen die Anschauungen ihres Souveräns, wie die Parlamentswahlen des verflossenen Jahres bewiesen haben. Allerdings macht sich, besonders in London, eine immer stärkere Agitation gegen die Zulassung fremder Armer, das heißt zumal bedürftiger polnischer und russischer Juden fühlbar. Es hat sich zur Bekämpfung dieser Einwanderung eine „Gesellschaft der britischen Brüder" gebildet. Der Gesetzentwurf gegen die Einwanderung fremder Armer ist von einigen Mitgliedern des Unterhauses von neuem eingebracht worden. Das sieht nun einer antisemitischen Strömung ähnlich. Allein wir werden doch stutzig, wenn wir bemerken, daß sogar ein jüdisches Parlamentsmitglied, Mr. Saul Samuel, sich zu Gunsten jener Bewegung ausspricht, und zwar mit der Begründung: das massenhafte Zuströmen kulturell niedrig stehender, in Tracht und Sitte unangenehm auffallender polnischer und russischer Juden drohe in England ebenso den Antisemitismus hervorzurufen, wie das in Nordamerika und in Argentinien bereits geschehen ist. Haben doch die vereinigten jüdischen Wohlthätigkeitsvereine in New-Iork sich aus eben demselben Grunde gegen die Zusendung weiterer jüdischer Einwanderer aus den slavischen Ländern erklärt! Und die köpf- und planlose Massenimmigration russischer Juden in Argentinien hat bereits Vorschläge einer Einschränkung von Seiten des dortigen Einwanderungs-Amtes

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