Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5661
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111076-3113299--1200-3113325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 zu verbieten. Da nun in solchen Stadtgemeinden der Schlachtzwang für die Schlachthäuser existirt, würde damit an den betreffenden Orten das rituelle Schächten überhaupt unmöglich gemacht. Einzelne städtische Vertretungen, wie die Potsdams und Angermündes, haben daraus bereits die Konsequenz gezogen. In Potsdam ist allerdings der Beschluß der Stadtverordneten Seitens des Magistrats verworfen worden. Freilich sind diese Beschlüsse bisher theilweise an dem Widerstande der Regierungsbehörden gescheitert — aber im Verwaltungs-Streitverfahreu würde, nach dem soeben erwähnten Beschlüsse des Ober-Verwaltungsgerichts, solcher Widerspruch beseitigt werden können. Ist das einmal geschehen, dann werden antisemitische oder angeblich thierfreundliche Stadtvertretungen innerhalb Preußens das Schächten mehr und mehr zu verhindern im Stande sein. Die Nachwehen der scheußlichen Konitzer Vorgänge dauern noch immer fort. Eine Unzahl von Prozessen jeder Art hat sich an jene beklagenswerthen Ereignisse geknüpft. Es ist leider in jenen Gegenden dahin gekommen, die Befangenheit ist dort so stark, daß jeder angeschuldigte Israelit, der vor den Geschworenen erscheinen muß, fast von vorn herein ein Verurtheilter ist. Und doch sind in Deutschland Thatsachen eingetreten, die auch den eingefleischtesten Antisemiten stutzig machen müßten. Es hat sich unter großen und angesehenen Vertretern des deutschen Handelsstandes eine Gewissenlosigkeit und Unredlichkeit gezeigt, die, bei der rückläuffgen Konjunktur der Welrindustrie, zu zahlreichen Bankbrüchen schlimmster Art, zum Ruin vieler Tausender geführt hat. Hunderte von Millionen Mark sind aus diese Weise verloren gegangen. Eine große Zahl der Direktoren von Banken und sonstigen Aktiengesellschaften sind in das Gefängniß gewandert oder haben sich, sei es durch Flucht, sei es durch Selbstmord, dem Strafrichter entzogen. Unter allen diesen Leuten aber ist kaum ein einziger Jude; vielmehr sind die meisten von ihnen Leute, die in Pietismus gearbeitet und von ihren Instituten jeden Juden sorgfältig ausgeschlossen haben. Wir werden gewiß nicht in den Fehler unserer Gegner verfallen, aus