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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 271

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Die Toten
Date
1900-01-01
Page
Seite 271 (sequence 39)
Language
German
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271 dacht haben und geschaffen .... wer sind sie nur, diese andern?.Bis zum Höchsten haben ffie das Leben emporgelebt. Ein Leben höher, wie die Peterskirche in Rom. Nicht eine Kirche des Glaubens, den Dom des Lebens haben sie erbaut und er ragt in die Wolken, und aus der Spitze sitzen die Großen und lachen und spielen mit Donner und Blitz und wehen mit Sturm und Wind die Vergangenheit hinweg — das Morsche, ba% Tote! Und ich ... ich gehöre zu denen, die auf den Thürmen des Domes sitzen könnten, oben, ganz hoch oben, aber ich darf nicht hinauf, denn die Mutter mit der gelben Haube und der Vater mit dem langen Rock halten mich unten fest, sie wiffen nicht, daß ich Flügel habe, denn sie sind lange tot . . . taufend Jahre schont Er fank wie ohnmächtig in sich zusammen. Ich wußte, was die Glocke geschlagen hatte. „Haben Sie sich in letzter Zeit viel mit Nietzsche beschäftigt? fragte ich chn. Ein helles Leuchten ging über sein Antlitz „. . . Nietzsche? Ach nein . . . ach ja . . . Um den Baumeister ist es Nacht geworden . . . aber wir . . . wir müssen weiter bauen, immer weiter. . . bis an Gottes Thron . . . und dann. . . dann werden wir wissen, wer darauf sitzt . . . und wenn ich die alte Frau mit der gelben Haube neben ihm finde, dann fetze ich mich dazu und singe: Schma Jisroel! Aber bis dahin muß ich bauen . . . und bauen und Sie Herr Doktor.. Sie sind doch ein gefcheidter Mann . . . Sie sollten mit dabei sein ... die andern ... die dort, um die Ecke^ ... er wies mit einer Bewegung nach der Richtung der Wallstraße, „die mögen das Tote bewachen . . ." Ich reizte ihn durch keinen Widerspruch, als mir die traurige Gewißheit seines Gemüthszustandes klar geworden war. Allmählig in gleichgültigem Gespräche suchte ich ihn zu beruhigen nnd das gelang mir. Ich beobachtete ihn seit dieser Zeit, ohne daß er es merkte. Er ging wieder still seinen Studien nach, wie gewöhnlich, aber etwas Unheimliches, Brütendes lag in seinen Blicken. Ich wurde die Unruhe nicht los . . . ich hatte nicht das Gefühl, daß er aus der Extase seiner Zweifel und Seelennoth, wie so viele von uns sich zur Wirklichkeit, auf den rechten Weg zurückfinden wird. Deshalb schrieb ich an Sie" . . .

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