Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 270 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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270 hoffentlich in einer recht großen! ,Das Wort Gottes!^ Wie ein Aufschrei klang es: ,Das Wort Gottes!^ Welches Gottes! Desjenigen, um den wir verfolgt, gepeinigt, verhöhnt werden, oder desjenigen, der. die Erlösung gebracht hatte . . . wie sie sagen, die andern ... die andern, die von uns nichts wissen wollen, uns verachten, hassen, bei Seite schieben, treten, verspotten, für die wir nichts anderes sind als nur ein Jude!" Und nun brach die ganze Qual und Pein dieses Elends aus, das auf uns allen lastet. Ich suchte ihn zu beruhigen. Ich sagte ihm, es sei die Jahrtausende alte Geschichte unserer Leiden, aber auch unserer Kraft — die uns von Gott auferlegte Mission ... da lachte er schrill auf und rief: „Und das sagen Sie. . . Sie, einer der geistig hochstehenden, dem das Licht der Aufklärung schon geleuchtet, der die Sonne über des Vaterlandes Größe hat aufgehen sehen, damals vor 16 Jahren, damals, als ich noch ein Kind war!" Er sah wie verzückt aus in diesem Augenblick und träumte eine Weile vor sich hin, ehe er fortfuhr> jetzt mit beinahe geheimnißvoller, flüsternder Stimme: „Und das Alles habt Ihr miterlebt, Ihr damals ... und ich ahnte es nur von ferne, ich in meinem . . . Totenreich. Aber ich empfand schon etwas von künftiger Auferstehung. Und jetzt, die Zeit ist gekommen! Ich kann nicht länger, Doktor ... ich kann nicht länger ..." „Und die Eltern," fragte ich. Er sank wie von einem tötlichen Schlage getroffen zusammen. Ein tiefes Mitleid überkam mich. ,Die Eltern, die Eltern^ lispelte er leise ... die Eltern? Der Vater? Die Mutter? Die Mutter! Die Mutter" ... dabei brach er in ein fast krampfhaftes Schluchzen aus. Das Lokal war leer, wie immer um diese Zeit, dennoch . . . ich fürchtete, daß der Kellner aufmerksam werden könnte und machte ihn darauf aufmerksam. Er versuchte sich zu fassen, aber schon nach wenig Augenblicken sprach er nochmals vor sich hin: ,Die Mutter ... die Mutter^ ... ein herzzerreißendes, irres Lächeln zog um seinen Mund . . ., sie ist tot . . . lange schon tot . . . gestorben ... und der Vater auch, alle beide . . . vor tausend Jahren . . . und ich bin jung und lebe . . . lebe . . . lebe! Ich lebe das neue Leben, das.die andern aufgebaut haben ... die andern, die uns hassen und verachten und auslachen ... die andern, die so großes ge-