Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 269 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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269 und deshalb bat ich, mit Ihnen sprechen zu dürfen, bevor Sie zu ihnen gehen und bevor Sie Benjamin sehen." „Aber was ist'denn geschehen? Etwas Positives, Bestimmtes? Oder sind es nur die üblichen Jugendthorheiten, die ihn befallen haben? Damit wird Reb Schlaume Herzbergs Sohn fertig werden." In seiner Stimme lag etwas ungeduldiges, unduldsames. „Ich erlaube mir anderer Ansicht zu sein." „Wollen Sie mir also erzählen, was Sie eigentlich Greifbares wissen? Wo die Wurzel des Nebels ist? Dann wird man überlegen können, wie es auszurotten sei." Wieder lächelte der junge Doktor ironisch, aber ein wehmüthiger, fast trauriger Zug beschattete zugleich sein Antlitz. Sie waren inzwischen bei einer alten Conditorei angelangt, die an der Ecke der Promenade und des Königsplatzes lag, beinahe schräg über von der Behausung Reb Schlaumes. Die Seminaristen, vermehrten mit Vorliebe dort. „Wollen wir hier eintreten? Wir können ungestörter sprechen, als auf der Straße, um diese Zeit ist fast niemand da." > Sie betraten ein kleines, räucheriges Zimmer links vom Eingang und ließen sich an einem Tisch nieder. Der Kellner brachte unaufgefordert „schwarzen Cafe" als er den jungen Doktor erkannte. Er war mit den Gepflogenheiten seiner Stammgäste vertraut. „An diesem Tische saß ich und um dieselbe Zeit, als Benjamin heut vor 14 Tagen hier eintrat und sich zu mir setzte. Das war etwas ungewöhnliches, denn er ist ein verschlossener Mensch und hatte sich auch mir nie genähert, trotzdem ich seit einer Reihe von Jahren täglich zu Reb Schlaume hinaufkomme. Eine Weile saß er schweigsam da, müde und abgespannt, wie geistesabwesend. Ich beobachtete ihn stillschweigend. Nervös spielte er mit dem Cafelöffel und brach plötzlich in die Worte aus: „Sie studiren doch auch Philosophie Herr vr., haben sogar schon Ihr Examen gemacht . . . und Siebleiben . . . wollen Sie wirklich Rabbiner werden? . . Etwas bitteres, zweifelndes lag in seiner Stimme . . . Ganz gewiß, erwiderte ich. Ich sehne die Zeit herbei, wo ich in einer Gemeinde das Wort Gottes werde lehren können . . .