Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 267 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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267 sprach die Promenade entlang, die zwischen dem Nikolaierstadtgraben und dem Königsplatze sich hinzog. Es war der Rabbinatskandidat Dr. -Grosser und der SchwiegersohnvonSalomonHerzberg,RabbinerDr.Feilchenberg. „Ich wußte mir keinen andern Rath, als an Sie zu schreiben, Herr Rabbiner, sagte der jüngere von ihnen. „Und ich bitte Sie, meine Eigenmächtigkeit zu entschuldigen, aber die Sache war in so bedenkliche Phasen getreten, daß ich glaubte, jemand von der Familie müsse" ... „Ich danke Ihnen, Herr Dr. Uxib meine Schwiegereltern wissen nichts von diesen Vorgängen?" ... „Nicht das mindeste: Von draußen dringt nichts zu ihnen. Wer dort hinauf kommt, stimmt sich schon unterwegs auf den Ton der Weltvergessenheit, und niemand würde die heilige Einfalt dieser frommen Seelen trüben. Man lernt sein Capitel mit Reb Schlaume, läßt sich von Frau Rebekka über Kinder und Enkel berichten und erzählt selbst von den Angelegenheiten des Seminars und der Khille . . . Daß es darüber hinaus noch etwas giebt ... ob sie es überhaupt wissen ... sie sind merklich gealtert in den letzten Jahren" ... „Auch die Mutter? Sie war noch immer so frisch und freudig." „Auch sie. Benjamin macht ihr doch wohl stille Sorgen. Allerdings schreibt sie seinen Zustand auf Ueberarbeitung, auf körperliche Schwäche. Von den seelischen Leiden, die ihn aufzehren, hat sie keine Vorstellung und könnte es auch gar nicht verstehen. Das sind die Leiden der modernen, jüdischen Jugend. Die Zweifel, die an der Ueberlieferung nagen und Herz und Geist vergiften . . . und der ehrgeizige Drang nach Betätigung, gleich zu sein den andern, ganz gleicht . . . „Traurig, lieber ^Herr Dr. Grosser . . . sehr traurig. Wir haben doch auch unsere Studien gemacht, ohne deshalb in solche Extreme zu gerathen." , „Traurig, aber wahr. Den einen erfaßt dieses Fieber mehr, den andern weniger. Der eine schüttelt's ab, der andere geht an diesen Schauern zu Grunde und findet den Tod, in dem er das Leben begehrt. Dieses neue Leben, das sich ihm von fern enthüllte, wie eine Fata morgana . . . End-