Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 266 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111072-3113006--0924-3113285- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
266 sich und sah den alten Mann mit großen, räthselhaften Augen an. .„Hübsch langsam und ruhig . . . das ist die Inschrift dieses Grabes." Matt, wie mit gebrochenen Gliedern ließ er sich auf einen Stuhl nieder. „Ich bring Dir ä Bischen Tokaier und ä Stückchen Butterkuchen, damit Du Dich erholst und wieder zu Kräfte kommst." Mit zärtlicher Fürsorge war die alte Frau um ihn bemüht. Willenlos ließ er Alles geschehen. Er aß und trank zwar nur mechanisch, aber die Mutter war glücklich, für ihn sorgen zu können. „Das ist nichts mit dem Geschreib bei Nacht, Du strengst Dich zu sehr an, der Dokter sagt auch . . . Alles muß seine Grenz haben." „Ja, Mutter, Alles muß seine Grenzt haben." Ein tiefer Athemzug hob seine Brust, und ein Zug bitterer Ironie legte sich um seinen Mund. Die -schwachen Augen der Mutter bemerkten es nicht, der Vater saß bereits wieder über seinen Talmud gebeugt. „Wenn D' es nur einsiehst. Zu viel Arbeit taugt nix. Die Nacht ist zum Schlafen und der Tag is lang genug" ... „Oh ja, Mutter, der Tag ist lang genug, sehr lang, endlos!" Er erhob sich und ging schwankenden Schrittes nach seinem kleinen Stübchen, das auf der andern Seite des Flures, gegenüber von der Küche lag. „Willst Du Dich ä bischen ausruhen? Geh, leg Dich auf ä Stund nieder" ... „Ja, ich will ausruhn, Mutter . . . ausruhn! ruhn!" Er betrachtete sie mit einem langen, innigen Blick und ein seltsames Licht war in seinen Augen, als er noch einmal mit flüsternder Stimme wiederholte: „Ausruhen". Zur selben Zeit gingen zwei Männer in lebhaftem Ge-